Poesiemeister

Auswertung 12

Auswertung 11
Auswertung 13

Heute ist Europawahl, und ich bin Wahlhelfer - natürlich unfreiwillig. Das ist mal wieder ein Grund, warum diese Auswertung ein wenig unter Zeitdruck gemacht wird. Wann wird es endlich wieder ein Wochenende geben, wo ich schön gemütlich mit einer Tasse Kaffee neben dem Computer die Auswertung zusammenbasteln kann? Wir meinen: nie.

<Eine Woche später>

Doch, es gibt so ein Wochenende: nämlich dieses. Die Europawahl hat es leider verhindert, daß ich letztes Mal fertig wurde, und in der Woche war nicht daran zu denken (16 Überstunden in fünf Tagen bedeuten einen müden Thomas am Ende eines jeden Tages). Höchstens gestern, aber da mußte ich Roland mal ein wenig die Grundlagen des 1835-Spiels beibringen, hähä. Dieses Bahnhofsteil für die Baden und Rolos Kommentar dazu ("Genialer Move. Ihr könntet mir eigentlich mal applaudieren.") - einfach köstlich.

Nun aber zurück zum Ernst des Lebens: diese Auswertung war mir eine Lehre. Dadurch, daß ich den ZAT auf einen Samstag gelegt habe, habe ich nur eine Chance von zweien, daß es gerade einen freien Wochenendtag erwischt, an dem ich auswerten könnte. Der Samstag ist für die Auswertung gesperrt - denn da dürftet Ihr ja noch Züge abgeben. Daher lege ich den ZAT jetzt immer auf den Donnerstagabend. Mit Glück kann ich dann schon Freitag (unwahrscheinlich) oder Samstag (wahrscheinlich) auswerten und habe den Sonntag noch als Reserve. Ein prima Plan.

Zu Euren Kommentaren: Ich lese sie alle, finde die meisten interessant, kann aber nur ungefähr die Hälfte wiedergeben, damit die Auswertung keinen unvertretbaren Umfang annimmt. Also, wenn jemand seine Kommentierungen nicht wiederfindet, kann das zwar tatsächlich daran liegen, daß ich sie für zu blöde gehalten habe, aber sehr viel wahrscheinlicher ist es, daß ich der Ansicht war, daß die gleiche Aussage schon von jemand anders rübergebracht wurde oder daß es einfach schon zuviele Kommentare zu der Fortsetzung gibt.

Zur Trumba vom letzten Mal schrieb mir Gulp:

Scheint Dich ja wirklich zu interessieren. Ich hab in meinem Wörterbuch nachgeschaut - und da stand in etwa folgendes drin: "Trumba" (lautmalend) althochdeutsch für Schlaginstrument.

Eine Regelfrage:

Sabine X. aus K. (Name von der Redaktion geändert): Kann man mehrere Fortsetzungen abgeben?

Dr. Naumann: Ja, aber eine davon sollte als die beste gekennzeichnet werden. Die wird dann zur Wahl gestellt. Der Rest kommt nachher in die Grabbelkiste und wird vielleicht das nächste Mal unter "Was Euch letztes Mal erspart blieb" veröffentlicht.

Zur Ewigenliste: Da muß ich mir noch was Besseres einfallen lassen. Um diese Auswertung nicht noch weiter zu verzögern, gibt es daher diesmal keine, und nächstes Mal hoffentlich eine viel tollere Liste.

Und der übliche Hinweis: Gebt nichts auf die Satzzeichen! Ich behalte mir vor, insbesondere das Satzzeichen am Ende einer Vorgabe oder Fortsetzung zur Irritation aller abzuändern oder wegzulassen.

Die Vorgabe vom letzten Mal:

     Vom Ufer starret Gestumpf hervor,
     unheimlich nicket die Föhre

Und das waren die Fortsetzungen:

2-1 (Uwe Waldmann)

     Der Mond steigt langsam den Mast empor;
     und leis, daß niemand sie höre,

Das mit dem Komma war zwar schon mal dagewesen, aber reißt immer wieder den ein oder anderen Punkt. Diesmal waren es Ralf Jacobs und Armin Michel, die diesem Vorschlag ihre Stimme gaben.

Piratenangriff bei Mitternacht am Äquator? [Markus Freericks]

Huargh, den Mast empor! Der Mond krabbelt also an einem Mast hoch und keucht und schnauft vor Anstrengung. Außerdem ist diese Fortsetzung nun wirklich keinesfalls unheimlich. [Alex Mottok]

Ich geb's ja zu, dieses Ende ist nicht nur sperrangelweit offen, dieses Ende ist dreist. Mach ich auch so schnell nicht nochmal - sagen wir, frühestens wieder in der vierten Runde. [Uwe Waldmann - der Autor]

Wo ein Ufer ist, da ist Wasser, und dann sind Schiffe bestimmt auch nicht weit. Also warum kein Mast. Aber das Bild vom daran hochkletternden Mond ist mir zu eigenwillig, auch finde ich das davon suggerierte Zeitverrinnen fehl am Platz. Da hilft auch der Es-geht-garantiert-weiter-Holzhammer-Trick nichts. [Jörg Mintel]

Und das halte ich für die Originalfortsetzung. Ein Ausschnitt einer Story über ein leises Wesen. Und wenn nicht, dann bin ich halt auf den billigen Trick mit dem abschließenden Komma reingefallen :-) [Ralf Jacobs]

Mein Favorit. Einer der wenigen Vorschläge, die, hier mit dem Mast, die Szenerie etwas über die übrigen Chorversammlungen von Toten, Kröten, Sirenen und sonstigem Gesocks hinaus ausdehnen. [Armin Michel] Und was ist mit den Halmen wie Speere?

Der Mond steigt empor, aber wer ist 'sie' in der zweiten Zeile? Außerdem ergibt das "und" keinen Sinn! Frage: Was soll das Gedicht? [Digger]

Klingt fies nach ner Fortsetzung, gefällt mir ja sonst ganz gut, aber nach der Umgebung zu urteilen (da steht schließlich irgendwo n Baum rum, erinnert mich also eher an nen See oder sowas kleineres) paßt da kein Schiff mit Mast rein. [Petra Mehrmann]

2-2 (Meister Qualle)

     und aus der Dämmerung klingt empor
     das Lied verwunschener Chöre.

Schön. Hat zwar etwas Scharlachrotes, diese Chöre, aber dennoch schön. Schön schmalzig. Das gab drei Punkte, die Benjamin (und ärgern!), Mark Rose und Steven vergaben.

Das könnte ja glatt von mir sein (bei einer PM-Partie im RNZ bin ich mit etwas Kitsch fast immer gut durchgekommen). [Peter Kretschmar] Das ist auch die Devise von Meister Qualle - und wie es scheint, ist es hier die richtige Taktik. Wir erinnern uns immer wieder gerne: "Scharlachroter Feuerbrand", "Friedenshand", "Flammen schlugen auf sodann", "...schwarzet die Leere." Niemand würde so etwas wirklich dichten, aber wählen - das ist etwas anderes.

Wieso "empor"? Wir befinden uns doch anscheinend auf einem Gewässer; da könnte etwas vom Grund des Sees emporklingen, aber doch nicht aus der Dämmerung. [Uwe Waldmann]

Hach ja, ich wollte auch erst was mit Chören nehmen, hab aber keinen Sinn reingekriegt (davon abgesehen, hab ich das jetzt auch nicht), aber ich kann mir keine Dämmerung unten vorstellen, schließlich sind wir an irgendeinem Gewässer, andererseits, wenn die Dämmerung irgendwo im Teich oder so ist, ach nee, irgendwie steht sie im Zusammenhang mit einer untergehenden Sonne und die ist doch irgendwo weiter oben (er/sie hat doch tatsächlich die Wörter zusammen gewürfelt, die ich auch gern zusammengehabt hätte!). [Petra Mehrmann]

2-3 (Digger)

     Da lag er nun, der arme Tor,
     gestürzt von seiner Mähre.

Das hätte natürlich "Möhre" heißen müssen, sonst reimt es sich ja nicht auf "Föhre". Wäre der Baum keine Föhre, sondern eine Eiche gewesen, hätte man die zweite Zeile des Vorschlags wohl besser formulieren können, zum Beispiel: "eiskalt wie eine Leiche.", aber es war nun eben mal eine Föhre, und die verlangt nach einer Möhre statt einer Mähre. Dumm gelaufen.

Tempusfehler. Also echt, das muß man doch merken... [Alex]

Wer am Flußufer reitet, ist selbst dran schuld und bekommt von mir auch keine Punkte, wenn er stürzt. Erst recht nicht, wenn sich das Pferd nicht recht reimt! [Armin Michel]

Das ist ein Druckfehler, oder? Es muß heißen: Möhre, sonst reimt es sich nicht. [Cordula Müller]

Da lacht die Föhre! Und irgendwie ist da in jeder Zeile eine Silbe verlorengegangen. Sonst ganz nett. [Meister Qualle]

2-4 (Fred)

     Von Ferne dringet mir dumpf ans Ohr
     der Kröten garstiger Chöre.

"Garstiger" ist falsch, oder? "Garstige" klingt mir irgendwie besser am Ohr. Es sind doch garstige Chöre der Chröten und nicht Chröten der garstigen Chöre, und schon gar nicht Chöre, deren Chröten Eigentümer der Chöre sind. Leider kein Punkt.

Das "et" im "dringet" folgt ein wenig zu sklavisch dem Original. "Chöre" scheint zum populärsten Reimwort zu avancieren. Und ist "Chöre" nicht Plural und "dringet" Singular? Also, grammatikalisch korrekter:
Von Ferne dringen mir dumpf ans Ohr
der Kröten garstige Chöre.
[Markus Freericks]

Nach dem Tempusfehler in 2-3 nun ein fieser Numerusfehler. Selbst schuld. [Alex]

Ach was, meine Kröten machen keine "garstigen" Geräusche. Im Gegentum: Sie knistern erfreulich in meiner Brieftasche... [Steven]

Also, wenn der Dichter das vorträgt, muß er seine Zunge besser unter Kontrolle haben als ich, ich stolpre immer über dieses "garstiger". Außerdem finde ich Kröten lieb. [Petra Mehrmann] Wären wir im 25. Jahrhundert, würden dir dann sicher auch die Ferengi gefallen.

2-5 (Cordula)

     es flüstern dem Knaben leise ins Ohr
     kalt kichernde Totenchöre

Etwas übertrieben, aber dennoch: hat was. Nicht meine Lieblingsfortsetzung, aber dieses kalte Kichern überzeugt. Hätte von Qualle sein können ("flüstern leise"). Bedauerlicherweise kein Punkt.

Die erste Zeile hat eine Silbe zuviel. Die Alliteration ist schön. Aber "flüsternde Chöre"? Wie machen die das? [Markus Freericks] Das geht schon. Ich erinnere mich da zum Beispiel an ein Duett zwischen Adam und Eva aus der "Schöpfung" von Haydn, wo der Chor im Hintergrund vor sich hin flüstert. Na, gut, leise singt. Und der Chor war auch das ganze Gegenteil eines kalt kichernden Totenchors - das muß wohl am Thema gelegen haben. "Die Schöpfung" ist übrigens Kult. Genauso, wie man sich unbedingt die Matthäuspassion von Bach, alles von Schütz (besonders die Symphoniae sacrae) und das Weihnachtsoratorium von Bach reintun muß, wann immer es geht, gilt das auch für die Schöpfung. Gerade neulich war eine Aufführung in der Osterkirche mit einem hervorragenden Sopran und Baß und einem nietenhaften Tenor (Christopher Scholl - ob er erkältet war? Oder ob er das Opernsyndrom hatte [Hauptsache laut]?), einem mäßigen Chor und leider recht unpräzisem Orchester, aber das erwähne ich mal lieber nicht, weil das diese Auswertung nur noch länger macht.

Stark, da kennt jemand das Original - die "kalt kichernden Totenchöre" haben neben einer Alliteration auch noch das gewisse Etwas. Gut gemacht. [Alex]

Kalt kichernde Chöre killen quengligen Knaben; Kindseltern keineswegs kummervoll. [Uwe Waldmann]

Wieder Ohr und Chor! Vielleicht ist es ja wirklich ein bekanntes Gedicht (was gegenüber einem literarisch Ungebildeten wie mir unfair wäre), solche Ähnlichkeiten haben etwas Verdächtiges an sich. Und ein Freund von mir meinte angesichts der Originalzeilen, es könnte "Der Knabe im Moor" oder sowas sein. [Jörg Mintel]

Das scheint mir doch eine ziemlich schamlose Anleihe beim Erlkönig zu sein. Außerdem hat die zweite Zeile den falschen Rhythmus. [Meister Qualle] Man könnte sicherlich die Meinung vertreten, daß das ganze Gedicht der Drostesche Erlkönig ist. Tu ich aber nicht.

2-6 (Alex)

     Er kehrt zurück an den Ort, da er schwor
     daß niemals den Bann er zerstöre.

Alex - ich bin enttäuscht von dir! Hier fehlt es doch schon an der Technik! Das Versmaß stimmt nicht. Daß die Fortsetzung auch ziemlich unsinnig ist, macht nichts, das merkt ja keiner, aber Silbenzählen tun sie hier schon fast alle. Jedenfalls hat dich keiner gewählt; wenn das so weitergeht, wird Benjamin noch vor dir der zweite Poesiemeister - oder gar noch ein anderer?

Dreimal "er"
das ist nicht schwer.
[Doc Haudrauf]

Klingt nach einer längeren Ballade, aber ich würde mit dem Bann irgendwas anderes machen, nicht zerstören (ein Bann hat doch meistens schon was mit Zerstörung zu tun, vielleicht hätte er ein unbekanntes Band nicht zerstören sollen oder so?). [Petra Mehrmann]

2-7 (Jörg Mintel)

     Wer am dunklen Fluß den Glauben verlor,
     der nun alle Hoffnung verlöre

Ziemlich verloren unter den Fortsetzungen. Keiner konnte sich für sie entscheiden.

Den Glauben woran? An den Sinn der zweiten Zeile? Und zweimal verlieren nacheinander ist nicht sonderlich einfallsreich. [Markus Freericks]

Angesichts der Vorgabe ist mir diese Fortsetzung zu ernsthaft. Da fehlt der humoristische Touch. [Uwe Waldmann] Ich glaube, so witzig hat es Annette gar nicht gemeint.

... einen Punkt zu bekommen. hervor/herföhre, verlor/verlöre ?? [Lewando]

"Verlöre"! Nee nee. Der Konjunktiv wäre ja noch akzeptabel, aber dann müßte es "verliere" heißen, da wir uns immer noch in der Gegenwart befinden. Dann könnte man auch noch die Silben nachzählen... [Meister Qualle]

2-8 (Frank Schmidt)

     Unsichtbar locket der sirenische Chor
     den Schiffer, der sein Leben verlöre

Wieso "locket"? "Lockt" hätte es doch auch getan. Der sirenische Chor ist hübsch, besonders, weil "Chöre" statt Chor auch so ein nettes Reimwort für die nächste Zeile gewesen wäre.

Schon wieder ein "et", schon wieder ein "verlöre". Wer schreibt da von wem ab? Aber "sirenisch" ist ein schöner Touch. [Markus Freericks]

Schon wieder "verlöre". Tststs... außerdem: wie soll man die erste Zeile bitte betonen? Jede mögliche Version, die mir einfällt, holpert und stolpert über Stock und Stein. [Alex]

Da steht jemand ganz kurz vor dem Ziel, und dann sowas. "Lockt" statt "locket" und "Mann" statt "Schiffer" (oder "der's" statt "der sein"), und es wäre eine brauchbare Fortsetzung geworden, aber so? [Uwe Waldmann]

In einer unheimlichen Szenerie plötzlich verführerischer Sirenengesang? Und außerdem dieser Reim mit "verlöre". Ich dachte, sowas kann nur ich an den Haaren herbeiziehen. [Jörg Mintel]

Wie gesagt, in der Umgebung kann ich mir leider nix größeres an Schiffen vorstellen und Sirenen waren eigentlich irgendwo an der Rheinmündung, naja das würde dann wohl noch klappen, aber außerdem hab ich selbst vor kurzer Zeit was mit Sirenen geschrieben und deshalb hält mich jetzt irgendwas davon ab (worüber ich schreibe kann doch kein "richtiger" Dichter schreiben?). Wenn ich jetzt wieder nachdenke, vielleicht doch, also bleibt es eine Möglichkeit (Wußtet ihr schon, daß die Sirenen von der Welt Tema kommen, deren Bewohner sich durch konsequente Unmusikalität jedoch gegen sie zu wehren wußten, so daß sie entweder elend an Hunger sterben oder sich durch einen Raumzeitgefügefehler retten mußten? Nur so nebenbei, auf Tema sind sie jetzt zwar frei von Sirenen, aber noch immer voller Disharmonie...). [Petra Mehrmann] Wußte ich nicht. Wo liegt Tema? Dort könnte ich vielleicht Popstar werden.

2-9 (Markus Freericks)

     Der falbe Mondschein erleuchtet den Sumpf,
     der Jäger lädt die Gewehre.

Der Mondschein leuchtet falb,
vom Kirchturm läutet's halb.
Der Jäger schießt die Flinte ab:
der Treiber find't ein frühes Grab.

Nur, damit Ihr seht, daß auch Euer GM wunderschöne Gedichte basteln kann. Doc Haudrauf wählte diese Fortsetzung, also einen Punkt für Markus.

Sehr falb. Ist "falb" die chinesische Kurzform von "farbig"? [Alex]

Entenjagd um Mitternacht. [Jörg Mintel]

Mein Tip und wenn der Jäger hundert Gewehre lädt. "Falb" ist einfach meine Lieblingsmondfarbe. Der Einwand, daß man statt "Sumpf" besser "Moor" schreiben sollte weil sich das auf "hervor" reimt, bestärkt mich nur noch in meiner Meinung. Erst in der Beschränkung zeigt sich der Meister. ((c) auf o. g. Einwand hat übrigens Gulp.) [Stefan Schwaiger] Früher war es ziemlich schwierig, Gewehre nachzuladen, so daß es durchaus sinnvoll war, mehrere Pistolen oder Gewehre geladen mit sich zu führen.

Wenn die erste Zeile nicht so lang wär, könnte man den Nicht-Reim ja verzeihen, aber ich hätts auch dann nicht genommen, paßt nicht so ganz ins Stimmungsbild, warum denn auch gerade ein Jäger, dann hätte man ja auch gleich Lokomotiven hinstellen können. [Lewando]

2-10 (Lewando)

     Gar duster, dunkel steigt er empor:
     'der Fährmann', schallen die Chöre

Ich bin auch gegen sinnvolle Fortsetzungen, zugegeben, aber diese ist hammerhart. Warum da Chöre bombastisch die Ankunft des Fährmanns ankündigen sollen, der unscheinbar in der Dunkelheit düster erscheint, das wird kaum dem Autor klar sein. Selbst wenn es der Eine Fährmann ist, der die Seelen fährt, selbst dann scheint mir das jubelnde "Der Fährmann! Der Fährmann!" irgendwo deplaziert.

Und nochmal Chöre, aber diesmal jedenfalls laute. Ich hätte aber nie gedacht, das es zu Charon einen Soundtrack gibt. Irgendwie passen schallende Chöre nicht zu einer unheimlichen Umgebung. [Markus Freericks]

2-11 (Doc Haudrauf)

     fast lautlos gleitet durchs hohe Rohr
     der Kahn mit den gedungenen Mördern.

Doc schrieb hierzu: "Ja, das ist eine Fortsetzung, wie der Doc sie liebt. Der Versmaßbruch in der 4. Zeile ist übrigens beabsichtigt (wenn's einer ist)." Ach, das Versmaß ist hier nicht das eigentliche Problem... Leider keine Stimme für diesen Vorschlag.

Wenns "der Kahn der gedungenen Mörder" wäre, würd das Metrum nicht so hinken, aber den Reim retten täts auch nicht. [Markus Freericks]

"Föhre" - "Mördern" ist mit Abstand der unpassendeste Reim, den ich je gehört oder gelesen habe. Die Amerikaner reimen zwar skrupellos "pen" auf "been" (und sprechen das dann auch so aus), aber das hier geht wirklich zu weit. [Alex]

Eine so dunkle, unheimliche Umgebung, und dann nur profane gedungene Mörder auf der Durchreise (Oder suchen die etwa ihr Opfer dort? Womöglich hockt es unter Wasser und atmet grade durch ein Schilfrohr?). [Jörg Mintel]

Der Reim paßt so unverschämt nicht, daß es schon fast wieder paßt, aber sowas stört mich einfach. [Petra Mehrmann]

2-12 (Nicole Grochowina)

     Jeder Mann hält sein Gepäck so fest,
     auf daß er nichts verlöre.

Denn man weiß: Hinter jeder Föhre könnte ein Dieb lauern. Auch hier kein Punkt.

Kaum zu glauben, schon der dritte, der "verlöre" reimt. Wie kommt man ausgerechnet auf diesen abstrusen Reim? [Alex]

Gibt's das "Handbuch für Soldaten des Heeres" neuerdings in Versform? [Uwe Waldmann]

Vor Schreck der Koffer fällt in den Sumpf,
da schaut der Mann in die Röhre.
[Lewando]

Typisch Mann, hat schon Angst bei jedem Gräslein, das vom Wind bewegt wird. [Cordula Müller] Das ist ein Mißverständnis. Männer sind nicht ängstlich, sondern vorausschauend.

Schon wieder "verlöre". Darüber braucht man kein Wort mehr zu verlören. [Meister Qualle]

2-13 (Benjamin)

     Das Schilf bedecket ein weißer Flor,
     dahinter schwarzet die Leere.

Für diese Folge hätte ich keinen Pfifferling gegeben. Allein: Ihr wart anderer Meinung. "Schwarzet". Die Leere schwarzet auf sodann. Weia, wie man sich verrenken muß, nur um gewählt zu werden. Peter Kretschmar, Lewando, Digger, Petra Mehrmann, Stefan P. Wolf, Oliver Klink und Fred haben sich für diesen Vorschlag entschieden: sieben Punkte. Tja, Alex, paß bloß auf!

Fast schon zu passend, um echt zu sein, aber als Belohnung für die Anstrengung sind die Punkte auch gut vergeben. [Peter Kretschmar]

Oh ja, die Leere schwarzet. Gar nicht so übel. Ich muß sagen, Phantasie haben einige Poesiemeisteranwärter/-innen durchaus. Auf was man alles kommen kann... [Alex]

Ganz nett. Das gibt zumindest ein Kreativitätssonderpünktchen für "schwarzet die Leere". [Uwe Waldmann] Merkst du denn nicht, welch übles Spiel Benjamin mit dir treibt? Er schmiert dich solange mit Kitsch voll, bis du glaubst, das wäre Kunst!

Wer streulbrauet da so schwarz geschwindt?
wenn`s nicht gar die Lokmotiv und der König sind. [Steven]
Schöner Gegensatz mit "weißer" und "schwarzet". Auch die Verbform paßt zur Vorgabe. Zu perfekt, wie ich meine. [Stefan Schwaiger]

Das hier muß es sein. Da paßt einfach alles zusammen. Ufer/Schilf, bedecket/Leere, weiß/schwarz, hervor/dahinter ... Selbst das Versmaß stimmt. Allein das Gestumpf bleibt unberücksichtigt, aber wo nicht geschlagen wird, braucht man auch nicht auf jedes Detail zu achten. [Lewando]

"Schwarzet die Leere": sehr poetisch, sehr glaubwürdig. Aber weißen Flor findet man doch eher bei Hochzeiten und nicht an schlammigen Ufern. [Cordula Müller]

Ich halte "schwarzet" zwar nicht für ein "normales" Verb, aber für eine kreative Konstruktion, die durchaus von einem typischen Dichter benutzt werden könnte, die Natur wird weiterhin personifiziert, also naja, könnte durchaus sein, auch wenn mich das "Leere" ein wenig stört. [Petra Mehrmann]

2-14 (Annette von Droste-Hülshoff)

     Der Knabe rennt, gespannt das Ohr,
     durch Riesenhalme wie Speere.

Das (viel zu bekannte) Original. Ein echter Mißgriff: acht Leute haben es erraten, von denen es sechs kannten (zwei haben es erschlossen). Und das waren: Markus Freericks, Alex Mottok, Jörg Mintel, Cordula Müller, Ralf Menzel, Meister Qualle, Gulp und Hubertus Hinse. Naja, das war eben die Belohnung für eine solide Halbbildung.

Mein Dichterbuch sagt zu Frau von Droste-Hülshoff folgendes:

Die Dichterin stammte aus einer frommen katholischen Familie und wurde auf dem weltabgeschiedenen Gute Hülshoff im Münsterlande geboren. Als Kind war sie zart und schwächlich, allen weiblichen Beschäftigungen abgeneigt, aber lebhaften Geistes, leselustig und schon früh dichterisch tätig. Nach dem Tode ihres Vaters lebte sie mit ihrer Mutter auf dem Rüschhofe, dem Witwensitze der Drostes, der mitten in der Heide liegt. Alte Sagen wurden hier lebendig, die Gestalten der niedersächsischen Bauern tauchten vor ihrem Geiste auf; die weite Heide, das düstere Moor erfüllten ihre Seele mit Schauern. Hier sind ihre schönsten Gedichte entstanden: Naturbilder aus Wald, Heide und Moor, erzählende Gedichte, Schilderungen und Familienbilder aus dem Leben des westfälischen Volkes. Von ihren Prosadichtungen ist die Erzählung "Die Judenbuche" am bekanntesten. Die letzten Jahre verlebte die Dichterin in Meersburg am Bodensee bei ihrem Schwager, dem Freiherrn von Lassberg, dem Sammler mittelalterlicher Handschriften (Nibelungenlied, Minnesänger).

Und das Gedicht geht in voller Länge so:

  Oh, schaurig ist's, übers Moor zu gehn,
  wenn es wimmelt vom Heiderauche,
  sich wie Phantome die Dünste drehn
  und die Ranke häkelt am Strauche,
  unter jedem Tritte ein Quellchen springt,
  wenn aus der Spalte es zischt und singt -
  o, schaurig ist's, übers Moor zu gehn,
  wenn das Röhricht knistert im Hauche!

  Fest hält die Fibel das zitternde Kind
  und rennt, als ob man es jage;
  hohl über die Fläche sauset der Wind -
  was raschelt drüben im Hage?
  Das ist der gespenstige Gräberknecht,
  der dem Meister die besten Torfe verzecht;
  hu, hu, es bricht wie ein irres Rind!
  Hinducket das Knäblein zage.

  <Langbeinigen Spinnen vergleichbar>

  Vom Ufer starret Gestumpf hervor,
  unheimlich nicket die Föhre;
  der Knabe rennt, gespannt das Ohr,
  durch Riesenhalme wie Speere;
  und wie es rieselt und knittert darin!
  das ist die unselige Spinnerin,
  das ist die gebannte Spinnenlenor',
  die den Haspel dreht im Geröhre!

  Voran, voran, nur immer im Lauf,
  voran, als wollt' es ihn holen;
  vor seinem Fuße brodelt es auf,
  es pfeift ihm unter den Sohlen
  wie eine gespenstige Melodei!
  Das ist der Geigenmann ungetreu,
  das ist der diebische Fiedler Knauf,
  der den Hochzeitheller gestohlen!

  Da birst das Moor, ein Seufzer geht
  hervor aus der klaffenden Höhle;
  weh, weh, da ruft die verdammte Margret:
  "Ho, ho, meine arme Seele!"
  Der Knabe springt wie ein wundes Reh,
  wär' nicht Schutzengel in seiner Näh',
  seine bleichenden Knöchelchen fände spät
  ein Gräber im Moorgeschwele.

  Da mählich gründet der Boden sich,
  und drüben, neben der Weide,
  die Lampe flimmert so heimatlich,
  der Knabe steht an der Scheide.
  Tief atmet er auf, zum Moor zurück
  noch immer wirft er den scheuen Blick:
  ja, im Geröhre war's fürchterlich,
  o, schaurig war's in der Heide.

Was ich an diesem Gedicht besonders nett finde, ist die Art und Weise, wie die verschiedenen Verfluchten auftauchen und wieder verschwinden: wie aus dem Nebel sich formend und dann wieder auflösend. Wenn nicht diese blöde "Schutzengel"-Zeile in der vorletzten Strophe wäre, würde das Gedicht sich neben dem "Totentanz" von Goethe in der Rubrik "Schauerreime" ganz oben an plazieren. Da aber hat Annette ein wenig abgeluhst. Dafür ist der Rest genial - Spinnenlenore und den Fiedler Knauf, das sind Gestalten, die man sich gerne merkt (Orkspieler, aufgepaßt!). Und beinahe wäre auch Magdalene aufgetreten, aber sie hat sich noch schnell in Margret umtaufen lassen...

Gefällt mir auch ganz gut, fällt wieder in der zweiten Zeile etwas ab. [Peter Kretschmar]

Wieder ein Knabe, wieder ein Ohr. Es wird immer verdächtiger. Aber hier soll sich Speere auf Föhre reimen? Ist ja genauso wie bei 2-13. (Und grade klingelt das Telefon; ein Freund ruft an und meint, es wäre wirklich der Knabe im Moor, und was zitiert er da...?!) [Jörg Mintel] Wie gut, wenn man solche Freunde hat.

Schade, daß es keine Ablachpunkte mehr gibt. Vielleicht Punkte für schräge Assoziationen: gespannt zuhören + mit den Ohren hören = gespannte Ohren Irgendwie schön elfisch diese Fortsetzung. [Stefan Schwaiger]

Dieser Knabe muß ein biologischer Wunderorganismus sein, denn wessen Ohr ist schon gespannt? Ein Ablachpunkt. [Digger]

Irgendwie kommt mir die Vorgabe bekannt vor, und irgendwie meine ich auch diese zwei Zeilen zu kennen. Ich kann nur überhaupt nicht sagen, aus welchem Gedicht das sein könnte. [Ralf Menzel]

Eieiei! Gefällt mir sehr. Allerdings wäre hier ein "rennet" statt des "rennt" sogar noch überzeugender gekommen. Aber vielleicht wähl ich's trotzdem. Wenig später: Tja, da sich nichts überzeugenderes gefunden hat, wähle ich jetzt 2-14. Ist auf jeden Fall gut gemacht, aber man weiß ja nie, bei den grauenhaften Originalgedichten, die hier manchmal geboten werden. [Meister Qualle]

2-15 (Ralf Menzel)

     Vorsichtig treibt er das Boot voran,
     auf daß er die Stille nicht störe.

"Auf daß" ist out. Obwohl der Rest ganz stimmig ist, klingt diese Konstruktion gekünstelt und so, als würde da jemand versuchen, eine Fortsetzung zu dichten, der nicht der Originalautor ist. So dachten auch alle anderen: Kein Punkt.

Formal korrekt, von der Atmosphäre her nicht getroffen. Die Vorgabe suggeriert wirklich nichts von einer harmonischen Stille, die es zu erhalten gilt. Diese Fortsetzung wäre eine sehr unpassende Beruhigung. [Alex]

Oha, jetzt wird's gruselig. Stille, also auch kein Rauschen des Windes. Aber was läßt dann die Kiefer nicken! [Jörg Mintel]

2-16 (Gulp)

     Die Wilden heben das Kreuz empor
     auf daß die Gottheit erhöre

Was erhört sie denn? Okee, kann man auch in der nächsten Zeile bringen, die hier leider nicht abgedruckt ist, aber dann auch noch "auf daß". Und dann passen "Föhre" und "Wilde" nicht zusammen, denn die Föhre ist ein urdeutscher Baum. Auch wenn mir jetzt irgendjemand nachweist, daß dieser Baum eigentlich aus Australien stammt, was man daran erkennt, daß die Blätter Beutel für die Samen haben, ist es doch ein Baum, der in jedem halbwegs gebildeten Deutschen die Erinnerung an Sumpf, Moor, ängstliche Knaben und Annette von Droste-Hülshoff wachruft - also nichts mit Wilden.

Wie wär's mit "auf daß sie die Gottheit erhöre", das wäre sinn- und rhythmusmäßig besser. Aber das ganze klappt sowieso nicht, mit emporgehobenen Kreuzen verscheucht man höchstens Vampire. [Meister Qualle]

Oh je! Hab ich wirklich "die Wilden" gedichtet? Hmpf.. Sind anscheinend schon die ersten Auswirkungen von diversen Rollenspielabenden. [Gulp selbst]

2-17 (Silvercat: Petra Mehrmann?)

     das Böse steigt ihr im Saft empor:
     Krieg! Auf daß Gutes verlöre.

Verbirgt sich hinter Silvercat vielleicht Petra M.? Das war aus der Nachricht nicht so ganz zu erkennen. Verbirgt sich hinter "verlöre" ein falsch gebrauchter Konjunktiv? Das kann ich leider auch nicht so ganz erkennen. Verbirgt sich hinter dieser Fortsetzung das Original? Das ist ganz leicht zu erkennen (siehe 2-14). Verbergen sich vor Scham zahlreiche Leute, weil sie diese Fortsetzung gewählt haben? Da ist die Antwort ein klares "Nein": kein Punkt.

Verstehe ich recht, die Föhre ruft zum Krieg auf? Gegen das Gute obendrein? Militantes satanisches Gewächs! [Markus Freericks]

Und Nummer vier mit "verlöre". Und die bisher abstruseste dazu. Vermutlich von einer der Frauen gedichtet, sonst würde wohl niemand automatisch auf eine kriegerische Frau kommen. [Alex]

Schon wieder "auf daß", zum vierten Mal. Es reicht jetzt. Für diese Runde ernenne ich "auf daß" zu meinem persönlichen Out-Wort. [Uwe Waldmann] Machen Sie es.

Was soll das werden? Beschreibung der Emanzipation aus Sicht eines Machos?? [Jörg Mintel]

Wenn man 'un'heimlich betonen würde - mache ich aber nicht. Oder vielleicht doch - hmm - einzige Fortsetzung, die unheimlich 'richtig' betonen läßt ... ich wills nicht so recht glauben!?! Soviel auch gegen diese Fortsetzung sprechen mag ('Gutes verlöre' hört sich so wahnsinnig schlecht an), hat sie doch irgendwas an sich. Na ja, ich bleibe lieber bei 2-13. [Lewando] "Puh", denkt sich Benjamin und wischt sich den schwarzenden Schweiß von der Stirn.

Sozusagen die saftige Föhre? Ich kann es leider nur nicht wählen, weil das Gute verlieren soll, und das ist, finde ich, moralisch nicht zu vertreten. [Cordula Müller] Wenn's moralisch nicht geht, muß man das eben auf andere Weise vertreten.

2-18 (Hubertus Hinse)

     Die Burschen erbleichen und lauschen ganz leis,
     ob einer den Todessang höre.

Ich kommentiere ja ungerne "echte" Namen (das war übrigens gerade geheuchelt), aber Hubertus, du hast unverschämtes Glück gehabt. Wenn man wie ich langweilig "Thomas Naumann" oder wie Cordula "Cordula Müller" heißt, wird man ganz neidisch, wenn man auf solch verqueren Wohlklang wie "Hubertus Hinse" trifft. Alliteration, Rhythmus und dann das altmodische "Hubertus" - du solltest deinen Eltern für diesen köstlichen Namen danken. Ich weiß nicht wie, aber das erinnert mich alles an den doofen Zweizeiler:

   Geht auch alles in die Binsen,
   immer mußt du freundlich grinsen.

Und nun die Kommentare der Poesiemeisterlehrlinge:

Sie erbleichen & lauschen nicht, weil sie den "Todessang" hören, sondern, um ihn zu hören? Mindere Sinnkrise. [Markus Freericks]

Die Frage, die uns alle beschäftigt: Was das Meister Qualle? Todessang, das hat zwar noch keine Feuerbrand-Friedenshand-schreckensdumpf-Qualitäten, aber fast. [Alex]

Und dazu legen sie sich die Friedenshand ans Ohr, um besser den Todessang hören zu können. [Jörg Mintel]

Also, jetzt werd ich aber mißtrauisch: schon zweimal ein Knabe und nun Burschen. Und das auf diese Vorlage? Wenn nur Watson da wäre. Egal, ich wähle, was mir am besten gefällt und das ist der trakleske vielgewehrige Falbmondjäger. [Doc Haudrauf]

Souverän den ersten Reim mißachtet, aber ob es deswegen gleich vertrauenswürdiger ist, ich weiß nicht. [Petra Mehrmann]

2-19 (Oliver Klink)

     wie darrend am erkrankten Ohr
     der Irrwitz kergt im Seitz!

Niemand hat geglaubt, daß ich zu so einer Fortsetzung fähig bin (bzw. der von mir ausgewählte Dichter). Eigentlich schade, denn wenn Oliver diese Fortsetzung sicherlich auch nur verzweifelt hingeluscht hat, finde ich sie ausgesprochen gelungen. Ich gebe hier das Gesamtkunstwerk von Oliver nochmal wieder:

     Vom Ufer starret Gestumpf hervor,
     unheimlich nicket die Föhre;
     wie darrend am erkrankten Ohr
     der Irrwitz kergt im Seitz!

Während die erste Zeile nur andeutet, daß hier irgendetwas nicht in Ordnung ist, sagt die zweite Zeile mit einer aktiv nickenden Föhre dem Leser schon: "Obacht, hier gengat's schräg daher!" Und dann steigert sich der Irrsinn weiter: "Darrend" ist noch ein gültiges deutsches Wort, wenn auch der Sinnzusammenhang mit dem Davorstehenden ein wenig locker ist. Das erkrankte Ohr macht deutlich, daß es am Rezipienten liegt, daß die vierte Zeile sich mehr und mehr vom Hauptstrom der deutschen Sprache ablöst. Abgesehen davon, daß ich die Kunstworte "kergt" und "Seitz" für gut ausgedacht halte, zeigt der Reimbruch "Föhre" und "Seitz" am Ende der vierten Zeile, daß es nun eh alles egal ist: der Irrwitz ist voll erblüht. Und das ist auch das einzige Problem der Fortsetzung: sie ist kaum noch steigerungsfähig. Würde man weiterdichten, bliebe einem nur noch sowas wie

    Drauf schnorkelt plüst gar zonkend Wu -
    schnöbel schnack tsrk www,:-&)(=%
übrig. Was ja auch irgendwie Charme hat. So ähnlich schreibt auch Alex:

Diese Fortsetzung drumpft mir im Gestaude. Schon Morgenstern schrieb einst:

     Der Flügelflagel gaustert
     durch das Wirnwarnholz,
     die rote Fingur plaustert
     und grausig gutzt der Golz
Dem ist eigentlich nichts mehr hinzuzufügen. [Alex]

Zu streulbrau für meinen Geschmack. [Uwe Waldmann]

Ich gebe ja zu, die Föhre mußte ich auch erst nachschlagen. Aber jetzt wird's albern. [Jörg Mintel] Das Eingeständnis ist allerdings wirklich mutig. Daß man "falb" nicht kennt, kann ich ja noch verstehen, aber "Föhre"? Ich bitte dich - jeder weiß doch, daß das der Konjunktiv von "Fähre" ist: Fähren, die nicht existieren, aber deren Einrichtung von dem Nahverkehrsunternehmen der jeweiligen Gemeinde geplant ist.

Das ist so konfus, daß man es glatt in die engere Wahl nehmen könnte. Schade, daß die Ablachpunkte abgeschafft wurden: Diese Fortsetzung wäre mir die 3 ALP wert gewesen. [Lewando] Da bin ich ja mehr für den Scheuch.

Der konsequente Wahnsinn. Schon nicht schlecht. Man muß sich halt voll drauf einlassen. Das Risiko gehe ich jetzt nicht ein. [Meister Qualle]

Kein Reim, kein Sinn, kein Punkt. [Gulp]

2-20 (Stefan P. Wolf)

     Wohin sich nie ein Lichtstrahl verlor
     nach unten taucht nun die Göre

Ab in den Sumpf, du Luder - sieh zu, daß du Land gewinnst. Für diese görenfeindliche Fortsetzung gab es dann auch insgesamt null Punkte.

Die "Göre" paßt hier ungefähr so gut, wie die "Klampfe" letzte Runde. [Alex]

Auch wenn ich mir angesichts (oder -gehörs) ununterbrochenem Kindergeschreis vor meinem Fenster hier den Wunsch als Vater des Gedanken vorstellen kann, gibts dafür keine Punkte. [Armin Michel]

Das hätte man technisch besser machen können:

      Wohin sich niemals ein Licht verlor,
      nach unten tauchet die Göre
und es wäre dann immer noch ziemlich schlecht. Hm. [Meister Qualle]

2-21 (Steven)

     Dunkelheit wallet vom Moor empor
     ein Astholz schwanket im Winde.

Ja, ein Astholz. Das ist ein Feuerbrand, wie er im Buche steht. Nicole Grochowina gibt dir dafür dann auch gerne einen Punkt.

Das ist wenigstens ehrlich. Wenn einem schon kein gescheiter Reim auf "Föhre" einfällt, dann soll man auch dazu stehen, und nicht auf billigen Ersatz a la "Speere" oder "Mähre" zurückgreifen. Aber für Ehrlichkeit allein gibt's keine Punkte. [Uwe Waldmann]

Nach der nickenden Föhre nun noch ein schwankender Ast. Und dieser noch ausdrücklich aus Holz. Klingt übertrieben. Es sei denn natürlich, der Baum wird jetzt in's Zentrum der Betrachtung genommen und scheint den Moorspaziergänger heranzuwinken oder sowas.. [Jörg Mintel]

Ganz schön gedichtet, bis auf das "empor", was leider ziemlich häufig in den Vorschlägen vorkam. Sehr originell ist auch "im Winde", das sich absolut nicht mit Föhre verträgt und mich dennoch ein wenig innehalten ließ, da es so unpassend klang, daß es eigentlich passen könnte. Leider keinen Punkt. [Digger]

Auch wieder son Naturdichter. Versteht mich nicht falsch:
ich liebe Natur und mag Gedichte,
doch beides zusammen? - is ne andre Geschichte!
[Petra Mehrmann]

2-22 (Peter Kretschmar)

     Irrlichternd hüpfet der Scheuch durchs Moor,
     wüst heulend darob man ihn höre

Uwe Waldmann hat diese Fortsetzung gewählt. Deswegen hat er sich verdient gemacht: die erste Zeile ist völlig genial. Schade, daß die zweite Zeile nicht ganz mithalten kann, aber das Bild des irrlichternden Scheuchs (was immer das auch sein mag) hat es einfach. Würde ich Ablachpunkte verteilen, wären hier alle drei von mir.

Sicherlich die lebhafteste Fortsetzung, und der neologistische Wert des irrlichternen Scheuchs ist nicht zu unterschätzen. [Markus Freericks] Das ist nicht ganz so streulbrau wie 2-19, und enthält ziemlich genau das Maß an Nonsens, das ich nach der etwas angestrengten Bildhaftigkeit und der gespreizten Sprache der Vorgabe erwartet hätte. Wenn's nicht das Original ist, hat der Autor allein schon für "darob" statt "auf daß" den Punkt verdient. [Uwe Waldmann]

Stellt euch das mal vor: inmitten eines unheimlichen Moores hüpft etwas irrlichternd hervor und schreit nach Aufmerksamkeit. [Jörg Mintel] Naja - wenn's doch der Scheuch ist.

Kenne ich den Herrn? Nö. Die erste Zeile finde ich ja ganz gut, aber die zweite ist schon etwas konstruiert, und die Verwendung von "darob" ist ziemlich daneben. [Meister Qualle]

Was auch immer jetzt wieder ein Scheuch sein mag (hört sich nach einem Rollenspielmonster an, wenn man mich fragt)! Ich versuch mir das grad bildlich vorzustellen: "hüpf, blink, heul,..." - ein aktives Tierchen, das muß gesagt sein. [Petra Mehrmann]

Und hier die Tabelle der zweiten Runde:

Meister Qualle                  7
Benjamin                        7
Alex Mottok                     5
Ralf Menzel                     5
Markus Freericks                5
Joerg Mintel                    4
Gulp                            3
Stefan "Lupus" P. Wolf          3
Uwe Waldmann                    3
Cordula Mueller                 2
Hubertus Hinse                  2
Max                             1
Werner Ente                     1
Frank Schmidt                   1
Peter Kretschmar                1
Steven                          1

Auswertung 11
Auswertung 13