Poesiemeister 1994

Auswertung 4

Auswertung 3
Auswertung 5

Okee, okee. So schwer wie letztes Mal mache ich es Euch nicht wieder. Die Vorgabe war schon ein hartes Ding. Sie stammt allerdings von meinem Lieblingsdichter, und daher mußte es mal sein. Trotz allem ist es einigen gelungen, ziemlich gute Fortsetzungen zu machen, wie ich finde.

Zu dichten waren die nächsten beiden Zeilen zu

    Nun hebt sich der Schenkel, nun wackelt das Bein,
    Gebärden da gibt es vertrackte;

Diesmal beginne ich mit den Vorschlägen, die allesamt keinen Punkt bekamen:

4-1

    Sagte der Hund
    Und kratzt sich am Bein
    [Rüdiger Klings]

4-2

    Doch tanzen die Jungfern so zierlich und fein
    Und zeigen die Schulter, die nackte.
    [Elke]

Die gleiche Geschichte diesmal etwas jugendfreier, hier wird nur die Schulter entblößt und ansonsten bleiben sie zierliche, feine Jungfern. Formal auch besser gelungen, aber auch wieder dreimal "die", das zeugt einfach nicht von der Qualität, die man in dieser illustren Dichterrunde erwarten kann. [Qualle]

Nach einem Tempusfehler bei 4-1 nunmehr ein Numerusfehler. (Die Jungfern zeigen die nackte Schulter). Wieder nichts. [Alex]

4-3

    Vergißt sein Versprechen, hält nichts mehr geheim
    Stößt zu mit dem Dolch - der Beknackte.
    [Max]

4-5

    Was suchte im Moor dies arme Schwein,
    In dem es kopfüber versackte?
    [Ripley]

Woher die Assoziation "Schwein" kommen mag, ist schon schwerer zu sagen. Bei "Schenkel" wäre ich eher auf Hähnchen gekommen, aber das reimt sich natürlich nicht auf "Bein", so gesehen. Vielleicht vor der nächsten Zugabgabe erstmal einen Happen essen? [Qualle]

Argh. "Zur Suppe heute 'ne Beschwerde"? Wer ist es, der immer nur ans Essen denkt? [Alex]

4-7

    Er fragt sich, warum nicht schon vor langer Zeit
    Die Chance beim Schopfe er packte
    [Alex Mottok]

Ja, warum nicht? Vielleicht, weil sich "Zeit" nicht entfernt auf "Bein" reimt? [Qualle]

Krankes Versmaß. Inhaltlich ganz pfiffig, zumal es von der Vorgabe ziemlich unabhängig ist. [Oliver Klink]

4-8

    Die Zeilen sind albern, das muß doch nicht sein!
    Der Spielleiter ist der Beknackte.
    [Pedl Rau]

4-9

    Es könnte der Anblick nich gräuslicher sein,
    G'rad als ob der Wahnsinn sie packte.
    [Ralf Menzel]

   Es zappelt' der Dichter, er fing an zu schrein,
   Bis er betäubt zusammensackte.
   [Qualle]

Sehr schön. Wenn da nicht der Tippfehler wäre. Ich empfehle sehr einen Rechtschreib-Prüfer. [Alex]

4-10

    Nach außen jedoch, da wahrt man stets den Schein:
    Herr Barschel studiert eine Akte.
    [Volker Schardin]

Woher aber dieser Gedankensprung? Vielleicht Gebärde - Schwurhand - Ehrenwort? [Qualle]

4-11

    Der Schelm indes schaut unschuldig drein
    Derweil andre die Steiteslust packte
    [Claude Stötzler]

Diese Fortsetzung ist ein Fall für sich. Auf den ersten Blick läßt sich inhaltlich kein gravierendes Gegenargument finden - natürlich müßte uns noch erklärt werden, wie die Situation genau zustandekommt. Handwerklich allerdings lassen sich schon Schwächen finden. Das Versmaß wurde, ohne überzeugenden Erfolg, mit Hilfe von gestelzten Füllwörtern ("derweil", "indes") sowie durch Kürzung ("andre") und Dehnung ("Streites...") zusammengezimmert. Guter Versuch, aber - falsch. [Qualle]

4-13

    Und machst Du so weiter dann spürest du Pein
    Auf das es im Gelenke knacke
    [Steven]

4-16

    Hinauf den Berg, über Geröll und Stein,
    Das Tal von oben betrachte.
    [Alwin]

Gewagt! Die erste Zeile der Vorgabe kann einen vielleicht aufs Klettern bringen. Aber was ist nun mit den vertrackten Gebärden? Und das "betrachte" auf "vertrackte" zu reimen geht nun wirklich zu weit. Dazu kommt noch, daß der Dichter durch das "betrachte" plötzlich in die Imperativform hineinrutscht. Woher denn das auf einmal? [Qualle]

Was soll denn das bloß heißen? [Alex]

4-17

    Man kann es nun essen, das geröstete Schwein.
    Oder wollt ihr lieber das zerhackte?
    [Rene Dröge]

Ist der von Steven? Oder Marina? [Oliver Klink]

4-19

    Hier tänzelt verführerisch das Frauelein,
    Das du so begehrst, das Nackte.
    [Anja Andres]

Schon mal ein weiterer Tanz-Ansatz, aber mit gravierenden Schwächen im Versmaß und in der Ausführung (dreimal "das"). Inhaltlich etwas plump, schließlich geht es um "vertrackte" Gebärden und nicht eindeutige Aufforderungen einer Stripperin. [Qualle]

Siehe oben. Wunschdenken. Warum haben so viele Fortsetzungen irgendetwas mit Nudisten oder mit beknackten Leuten zu tun? Beides Reime, die niemals stimmen können... [Alex]

Daß die Leute dauernd ihre sexuellen Phantasien in ihre Gedichte projizieren müssen... [Oliver Klink]

4-20

    Die Lust ist ein herrliches Laster
    Nur manchmal eine schreckliche Pein
    [Achim]

Hier könnte der Dichter recht haben. Oder darf ich hier mal eine Dichterin vermuten, die mit M anfängt und mit arina aufhört? Sie hat doch letztes Mal schon so Eindeutiges erdichtet. [Qualle]

[...eine schreckliche Pein.] Ebenso wie dieser Reim. Nun ja, immerhin hat dieser Autor erkannt, worum es in der Vorgabe unter Umständen auch gehen könnte. [Alex]

Und nun die bepunkteten Vorgaben:

Für 4-4

    Nun hebt er den Arm, nun dreht sie sich rein,
    Figuren da gibt es verzwackte.

von Stefan Schwaiger entschieden sich Max, Ripley, Elke und Rüdiger. Das macht vier Punkte für Stefan. Elke hierzu:

Zwar nicht so glatt wie 4-14, aber durch die genaue Beschreibung der Posen doch die wahrscheinlichste Fortsetzung.

Qualle meint:

Ja, ja, schon in der richtigen Richtung. Nur noch ganz leichte Schwächen halten mich ab, diese Startnummer zu wählen. "Arm" ist eine Silbe kürzer als "Schenkel". "rein" ist eigentlich kein Wort, oder ist "rein" im Sinne von "sauber" gemeint? Und die zweite Zeile ist der zweiten Zeile der Vorgabe einfach zu sehr nachgebildet.

Und Alex:

Ganz nett. Aber "nun dreht sie sich rein" klingt etwas zu plump. Und überhaupt, ein wenig zu genau imitiert.

Der Vorschlag 4-6

    Denn wie immer beim Ball vom Nudistenverein
    Drehn sich im Tanze nur Nackte.

stammt von Qualle, der sich inzwischen allerdings mehr Mühe gibt, seitdem Alex ihm gezeigt hat, wie man hier die Punkte machen kann. Immerhin meinte Rene Dröge: "Die Vorgabe war so dämlich, daß natürlich auch nicht mit überzeugenden Fortsetzungen gerechnet werden konnte. Deshalb bekommt derjenige meinen Punkt, der am lustigsten gedichtet hat, und das war der Verfasser von Vorschlag 4-6." Ein Punkt für Qualle.

Die Fortsetzung 4-12 hat Oliver Klink gebastelt:

    Doch kannst Du nicht Tanzen, so lasse es sein,
    Erst recht wenn 's Gelenk bereits knackte!

Volker Schardin hat sich dessen erbarmt.

Benjamin hat sich 4-14 ausgedacht:

    Heut abend, da sieht man sie wieder zu zwein
    Sich wiegen im launigen Takte.

Das fanden Anja Andres, Michael Below, Alwin und Achim gut.

Qualles Kommentar hierzu:

Auch schon ein recht überzeugender Versuch. Mit "Takte" liegt man, glaube ich, hier richtig, es wäre eine gute Erklärung für die Verwendung des merkwürdigen Wortes "vertrackte" in der ersten Zeile. Was mich von diesem Vers abhält ist vor allem das überflüssige Wort "da". Eindeutig ein Füllwort zur Konstruktion eines Versmaßes. Man hätte es eigentlich hier weglassen können, auch ohne das "da" hat der Vers Sinn und Maß.

Alex meinte:

Oh ja. Sehr gut. Aber leider im Stil eher diametral dem Original entgegengesetzt.

Marina verdiente sich einen Punkt mit 4-15:

    Ach, manchmal wünscht ich mir ein Hündchen zu sein
    Hoch springen, wenn Freude mich packte.

Steven meinte nämlich, daß dieser Vorschlag so merkwürdig ist, daß er eigentlich nur das Original sein könne.

Qualle kommentierte:

Die Assoziation "Hund" konnte beim oberflächlichen Lesen der Vorgabe natürlich auftreten, weil in der ersten Zeile ja die Worte "hebt" und "Bein" vorkommen. Beim genaueren Hinsehen ist der Abstand zwischen diesen beiden Worten aber doch recht groß. Daher scheiden für mich alle "Hund"-Fortsetzungen aus.

Johann Wolfgang von Goethe dichtete die meiner Meinung nach ungeschlagen beste Fortsetzung (4-18):

    Dann klippert's und klappert's mitunter hinein,
    Als schlüg' man die Hölzlein zum Takte.

Das ganze Gedicht heißt "Totentanz" und geht so:

    Der Türmer, der schaut zu Mitten der Nacht
    Hinab auf die Gräber in Lage;
    Der Mond, der hat alles ins Helle gebracht;
    Der Kirchhof, er liegt wie am Tage.
    Da regt sich ein Grab und ein anderes dann:
    Sie kommen hervor, ein Weib da, ein Mann,
    In weißen und schleppenden Hemden.

    Das reckt nun, es will sich ergetzen sogleich,
    Die Knöchel zur Runde, zum Kranze,
    So arm und so jung, und so alt und so reich;
    Doch hindern die Schleppen am Tanze.
    Und weil hier die Scham nun nicht weiter gebeut,
    Sie schütteln sich alle, da liegen zerstreut
    Die Hemdelein über den Hügeln.

    Nun hebt sich der Schenkel, nun wackelt das Bein,
    Gebärden da gibt es vertrackte;
    Dann klippert's und klappert's mitunter hinein,
    Als schlüg man die Hölzlein im Takte.
    Das kommt nun dem Türmer so lächerlich vor;
    Da raunt ihm der Schalk, der Versucher, ins Ohr:
    Geh! hole dir einen der Laken.

    Getan wie gedacht! und er flüchtet sich schnell
    Nun hinter geheiligte Türen.
    Der Mond, und noch immer er scheinet so hell
    Zum Tanz, den sie schauderlich führen.
    Doch endlich verlieret sich dieser und der,
    Schleicht eins nach dem andern gekleidet einher,
    Und husch, ist es unter dem Rasen.

    Nur einer, der trippelt und stolpert zuletzt
    Und tappet und grapst an den Grüften;
    Doch hat kein Geselle so schwer ihn verletzt,
    Er wittert das Tuch in den Lüften.
    Er rüttelt die Turmtür, sie schlägt ihn zurück,
    Geziert und gesegnet, dem Türmer zum Glück,
    Sie blinkt von metallenen Kreuzen.

    Das Hemd muß er haben, da rastet er nicht,
    Da gilt auch kein langes Besinnen,
    Den gotischen Zierat ergreift nun der Wicht
    Und klettert von Zinne zu Zinnen.
    Nun ist's um den armen, den Türmer getan!
    Es ruckt sich von Schnörkel zu Schnörkel hinan,
    Langbeinigen Spinnen vergleichbar.

    Der Türmer erbleichet, der Türmer erbebt,
    Gern gäb er ihn wieder, den Laken.
    Da häkelt - jetzt hat er am längsten gelebt -
    Den Zipfel ein eiserner Zacken.
    Schon trübet der Mond sich verschwindenden Scheins,
    Die Glocke, sie donnert ein mächtiges Eins,
    Und unten zerschellt das Gerippe.

Ein geniales Gedicht, finde ich. Zeilen wie "Langbeinigen Spinnen vergleichbar" und "Schon trübet der Mond sich verschwindenden Scheins", die sind einfach super.

Das haben auch sechs von Euch so gesehen: Benjamin, Qualle, Alex, Oliver Klink, Ralf Menzel und Andreas Hechtbauer.

Qualle begründete das auch recht ausführlich:

Und das isser meiner Ansicht nach. Der Tanz kommt hier dezent im Wort "Takte" wieder zum Vorschein, also genauso angedeutet wie in den ersten beiden Zeilen. Was mich aber vor allem von dieser Fortsetzung überzeugt, ist der "unpersönliche" Stil: In den ersten beiden Zeilen kommen keine Personen als Substantive vor, sondern eben nur "der Schenkel", "das Bein", und "es gibt Gebärden". Hier geht es ähnlich weiter, nämlich "es" klippert und klappert, "man" schlüg die Hölzlein. Inhaltlich ist diese Fortsetzung natürlich nicht eindeutig verständlich, aber das ist der Anfang auch nicht, sondern der Leser wird mit Andeutungen gefüttert. Dazu kommt ein perfektes und perfekt passendes Versmaß. Daher meine Wahl diesmal: 4-18.

Alexens Ansicht war:

DAS ist es. Abgesehen davon, daß ich musikalische Vorgaben sowieso mit Vorliebe wähle, ist das die einzige Fortsetzung, die wirklich paßt. Das war entweder Qualle oder der Originalautor.

Ähnlich auch Oliver:

Das ist schön. Muß entweder das Original oder von Qualle sein. Mein Tip in dieser Runde also: 4-18!

Schade für Qualle: es war der Originalautor.

Wenn man dann alles so zusammenzählt, kommen folgende Punkte dabei zusammen:

                                alt    diesmal   Gesamt
Alex Mottok                     15     2         17
Qualle                          10     3         13
Benjamin                        7      6         13
Stefan Schwaiger                2      4         6
Oliver Klink                    2      3         5
Marina                          3      1         4
Peter Kretschmar                3      -         3
Achim Bietmann                  3      -         3
Torsten Koeppe                  3      -         3
Pedl Rau                        2      -         2
Rüdiger Klings                  2      -         2
Ralf Menzel                     0      2         2
Achim Hechtbauer                0      2         2
Ripley                          1      -         1
Max                             1      -         1
Torsten Koeppe                  1      -         1
Joachim Stehle                  1      -         1
Simon Klaiber                   1      -         1

Alle übrigen haben bislang keinen Punkt erreicht.

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