Poesiemeister 1994

Auswertung 3

Auswertung 2
Auswertung 4

Die letzte Vorgabe war eigentlich recht schwer, dachte ich. Die Fortsetzungen hingegen überzeugen nahezu alle, jedenfalls einige bzw. ein oder zwei doch. Jedenfalls bin ich recht zufrieden. Ihr wachst an Herausforderungen. Prima. Weiter so.

Nachdem letztes Mal Heinrich Heine zeigen konnte, daß er zu Unrecht zu den Dichtergrößen gezählt wird, hat es heute ein völlig anders gelagerter Poet in der Hand zu beweisen, daß er doch eigentlich der heimliche deutsche Dichterfürst ist bzw. war. Das wird ihm nicht gelingen, soviel schon vorweg - eine ganz andere Persönlichkeit des öffentlichen Lebens wird diese Runde zeigen, daß sie eigentlich der wahre Dichter ist.

Qualle hat dankenswerterweise die erste richtige Pressemitteilung abgeliefert: das Poesiemeister-Spezialgedicht:

   Wenn wir uns mit Reimen leimen
   und dann übers Dichten richten,
   muß ich mich mit Fragen plagen:
   Wenn ich nun das Schlichte dichte,
   bin ich dann statt Poet Prolet?
   Wenn ich aufs Subtile ziele
   oder aufs Skurrile schiele,
   wirds satirisch oder lyrisch - oder durchgedreht?

Die Vorgabe 3 war:

    Mein lieber Sohn, du tust mir leid,
    Dir mangelt die Enthaltsamkeit.

Auf die Vorlage 3-1 von Pedl Rau

   Du gehst zugrunde, glaube mir,
   An Zigaretten, Frau'n und Bier.

tippte leider niemand. Max dazu: "Nicht schlecht gemacht. Aber da ist so eine innere Stimme..." Marina, die alte Kettenraucherin, meint: "Ja, könnte man so stehen lassen - wenn ich nicht davon überzeugt wäre, daß ein Vater, der so liebevoll begonnen hat zu sprechen, im Folgenden ein positiveres Fazit ziehen würde." Insgesamt jedenfalls null Punkte.

Vorschlag 3-2 stammt von Volker Schardin:

   Ein guter Christ geduldsam ist,
   Bald kommt die rechte Zeit.

Alex Mottok kommentiert nachvollziehbar: "Uh! Furchtbares Versmaß und Reimschema! Das klingt ja fast nach Weihnachten!" Auch hier hat sich niemand hin verirrt (= 0 Punkte).

Rene Dröge (GUDERIAN) hat den Vorschlag 3-3 abgegeben:

   Solltest lieber weniger saufen.
   Denn es ist teuer, soviel Alk zu kaufen.

Hier war natürlich kein Punkt zu erwarten, und so hat es sich schließlich auch bewahrheitet. Kein Pünktchen für Rene. Stefan Schwaiger hierzu: "Zwar bin ich noch nicht lange dabei, aber Du nimmst anscheinend nur ältere Gedichte, in denen "Alk" noch nicht so geläufig war. Oder ist etwa der Pinguin oder Vogel gleichen Namens gemeint? Wenn ja, dann geniale Wendung ins Absurde und einen Extrapunkt wert! Wenn nicht, hat der Autor hier seine proletarische Herkunft klar unter Beweis gestellt." So klar ist mir der Beweis nicht (möglicherweise sitzen wir gerade einem genialen Täuschungsmanöver auf); aber natürlich ist es schon schwer vorstellbar, daß ein teutscher Tichter sowas tichtet.

Der Vorschlag 3-4 stammt von Oliver Klink:

   Drum folge meinem Rat beizeit,
   Und schwör der Tugend Eid!

Rene Dröge und Anja Andres meinten, dies sei das Echte, Gute, und verschafften Oliver so zwei Punkte. Komisch. Alex Mottok (den Namen solltet Ihr Euch alle gut merken, warum, erkläre ich weiter unten) meint dazu: "Neieiein. Nicht schon wieder ein 'eid/-t'-Reim. Wer würde so etwas dichten?" Auf diese Frage eine klare Antwort: Oliver. Obwohl: inhaltlich ist diese Fortsetzung ganz passend, auch wenn ich mich frage, wie genau die Konstruktion "schwör der Tugend Eid" aufzulösen ist. Schwöre ich den Eid der Tugend? Schwöre ich der Tugend einen Eid? Schwärt da der Tugend Eiter? Wer weiß.

Anja Andres gab den Vorschlag 3-5

   Komm an deines Vaters Herz,
   Der einst wie du gelitten diesen Schmerz

ab. "Gut, daß dieses Spiel nicht 'Versmaß-Master' heißt.", meinte Alex dazu. Leider ist das auch einigen anderen aufgefallen; jedenfalls gibt es keinen Punkt.

Marina dichtete den Vorschlag 3-6:

   Ach Vater, steh' ich nicht im Saft -
   Verzeiht mir meine Manneskraft.

Und tatsächlich: da gab es noch Rüdiger Klings, der meinte, das sei es. Einen Punkt für Marina.

Wilhelm gab den Vorschlag 3-7 ab:

   Enthaltsamkeit ist das Vergnügen
   An Sachen, welche wir nicht kriegen.

Insgesamt meinte Wilhelm Busch folgendes:

   "Mein lieber Sohn, du tust mir leid,
   Dir mangelt die Enthaltsamkeit.
   Enthaltsamkeit ist das Vergnügen
   An Sachen, welche wir nicht kriegen.
   Drum lebe mäßig, denke klug.
   Wer nichts gebraucht, der hat genug!"

   So spricht der Weise, grau von Haar,
   Ernst, würdig, sachgemäß und klar,
   Wie sich's gebührt in solchen Dingen;
   Läßt sich ein Dutzend Austern bringen,
   Ißt sie, entleert die zweite Flasche,
   Hebt seine Dose aus der Tasche,
   Nimmt eine Prise, macht hapschie!
   Schmückt sich mit Hut und Paraplü,
   Bewegt sich mit Bedacht nach Haus
   Und ruht von seinem Denken aus.

(Aus der Einleitung zu "Die Haarbeutel")

Besser als Heinrich Heine vom letzten Mal, aber immer noch nicht der Knaller. "Auch nicht schlecht! Sehr philosophisch. Aber letztendlich inhaltlich zu einfach", meinte Alex. Stefan Schwaiger dagegen: "JA! JA! JA! Das MUSS es sein! Genial die Wendung ins Komische, deren Präsenz in den ersten zwei Zeilen einem erst beim Lesen der letzten zwei bewußt wird. Und der Reim "Vergnügen/nicht kriegen" ist schon erste Sahne! Wenn's nicht das Original ist, dann freu ich mich schon auf weitere Fortsetzungen von diesem Talent." Macht zwei Punkte für Stefan.

Qualle diesmal mit dem erfolglosen Vorschlag 3-8:

   Mein lieber Vater! Teure Welt!
   Mir mangelt's auch am Taschengeld!

Hübsch, aber dann doch nicht so recht die Stimmung der ersten beiden Zeilen getroffen. Alex hierzu:

   Oh liebe Leserschaft aus Kiel,
   Mir mangelt's an Gefühl für Stil.

Stefan Schwaiger meinte: "Wenn es einem richtigem Dichter an Barem mangelte, würde er es sich mit geschmeidigeren Reimen zu verschaffen versuchen." Rene Dröge allerdings gefiel diese Fortsetzung: "Klar das Beste, aber wohl sicherlich von Qualle." Wie auch immer. Nur keinen Punkt für diese beiden Zeilen.

Der Vorschlag 3-9

   Wärst gegen Weiber du gefeit,
   Das wahre Glück, es wär nicht weit.

stammte von Ripley. Schön das "gefeit", eins meiner Lieblingswörter. Wie ist eigentlich die Gegenwartsform davon? "Ich feie"? Ansonsten leider auch nix für Ripley.

Max dichtete Vorschlag 3-10:

   Drum trink mit uns - sei stets bereit
   Und scheiß auf die Enthaltsamkeit

Scheiße sagt man nicht. Daher auch hier nur null Punkte. "Ja, nicht schlecht - auch sehr schön herausgearbeitetes Versmaß... nur das eine kleine Wörtchen in der zweiten Zeile, das stört etwas im Wohlklang." So Marina zu diesem Versuch, die Poesiemeister zu täuschen.

Achim Bietmann war für den Vorschlag 3-11

   Ich seh es schon, jetzt liegst du hier
   Bist ausgelaugt vom vielen Bier.

verantwortlich. Achim möchte ab sofort wahlweise Beast oder Achim genannt werden. Da es bislang nur einen Achim hat, ist Achim okee für mich. Hallo, Achim! Abgesehen davon ist Bier nicht alles im Leben, wie Marina richtig feststellte: "Noe - das isses nicht. Alkoholsucht muß nicht zwangsläufig was mit Sexsucht zu tun haben!" Hat sie recht. Nun müßte ich nur noch begreifen, wieso die ersten beiden Zeilen Sexsucht implizieren, und dann bin ich bestimmt eine Erkenntnisstufe weiter. Gewählt hat diese Fortsetzung allerdings niemand.

Vorschlag 3-12 wurde von Rüdiger zum Besten gegeben:

   Es ist nicht schwer, es kommt der Tag,
   Da Du die Weisheit finden magst

Und da war dann Alex, der sich seiner erbarmte, und ihm so einen Punkt verschaffte. "Das reimt sich ja grandios", meinte er. Wirklich?

Vorschlag 3-13 stammt von Steven (Stephan Hellwig):

   Ist Keuschheit dir nicht mehr genehm,
   Wirst offensichtlich du bequem.

Eigentlich nett, nur die Wortstellung von "offensichtlich du" gefällt nicht ganz. Bei diesem anspruchsvollen Publikum haben nur Topfortsetzungen überhaupt den Hauch einer Chance, daher leider diesmal für Steven keinen Punkt.

Stefan Schwaiger meinte zu der Vorgabe (Vorschlag 3-14):

   Hör auf den Vater, der dir sagt,
   Bald wirst du von 'nem Bauch geplagt.

Diese Fortsetzung war mein persönlicher Favorit. Aber das "'nem" machte dem Vorschlag wohl den Garaus. Schade. Kein Punkt für Stefan.

Der Vorschlag 3-15 wurde von Joachim Stehle eingebracht:

   Du solltest Selbstbeherrschung üben,
   Anstatt dich weiter zu betrügen.

Auch hierfür hat sich keiner erwärmen können. "Hört sich auch nicht übel an. Nur eine Silbe ist über; inhaltlich aber sehr treffend, wie ich finde!", so Marina dazu.

Alex Mottok hat den Volltreffer mit dem Vorschlag 3-16

   Des Lebens Freuden nimmst Du gern,
   Doch Fleiß, mein Sohn, der liegt Dir fern.

gelandet. Nahezu alle wählten ihn, genauer gesagt, 13 Leute, nämlich: Qualle, Oliver Klink, Max, Pedl Rau, Ralf Menzel, Volker Schardin, Steven, Ripley, Claude Stoetzler, Elke, Marina, Achim und Benjamin. Dreizehn satte Punkte - da staunt Qualle und Benjamin wundert sich.

Das ergibt folgenden Punktestand nach drei Runden:

                                alt    diesmal   Gesamt
Alex Mottok                     2      13        15
Qualle                          10     -         10
Benjamin                        7      -         7
Peter Kretschmar                3      -         3
Achim Bietmann                  3      -         3
Torsten Koeppe                  3      -         3
Marina                          2      1         3
Pedl Rau                        2      -         2
Oliver Klink                    -      2         2
Stefan Schwaiger                -      2         2
Rüdiger Klings                  1      1         2
Ripley                          1      -         1
Max                             1      -         1
Torsten Koeppe                  1      -         1
Joachim Stehle                  1      -         1
Simon Klaiber                   1      -         1

Alle übrigen haben bislang keinen Punkt erreicht.

Auswertung 2
Auswertung 4