Poesiemeister - Auswertung 10
Zur Auswertung 09

Der Reim
muß bleim!


Dies ist die letzte Auswertung dieser Poesiemeisterrunde. Die Meisterin steht fest; es war fast ein glatter Start-Ziel-Sieg. Ich wundere mich nur noch im stillen. Ich danke allen für's Mitmachen und hoffe, daß es Euch Spaß gemacht hat. Ich muß mich jetzt in nächster Zeit um mein anderes Postspiel kümmern, das ich gerade unter Windows 95 (Delphi) neu programmiere. Irgendwann bald mal werde ich wieder eine neue Poesiemeisterpartie starten, und dann heißt es wieder:

"Dichten as Dicht can"

oder

"Ich bin nicht Meist- noch Richter, ich bin ein großer Dichter."

Zur letzten Vorgabe ein Kommentar von Alex Mottok:

Also, es geht darum, daß jemand sang, und zwar ein Schüler, und zwar Carmen ("DAS Carmen"???), und zwar im Felsen. Das kann natürlich alles mögliche bedeuten. Mich erinnert es an eine Studienfahrt nach Griechenland, wo wir irgendwo die 10 Sekunden Nachhall irgendeiner Höhle mal stimmkräftig ausgetestet haben... aber mal schaun, was so geboten wird.

Auflösung Runde 10

Die Vorgabe 10 lautete:

Das Carmen, das der Schüler sang,
Träumt noch im Felsenwiderklang,

Fortsetzungen:

10-1 von Ingo Prinz
Und als der Schüler 's Echo hört,
Da klang's, als hätt' ein Hirsch geröhrt.

Keine Punkte.

Kommentare:
Da haett' ich aber d'ein' oder and'ren Einwand vorzubringen. Klingt ein bisschen nach dem farbigen Piraten aus "Asterix und Obelix" ("Die 'öme' kommen!"), oder nach dem neusten Werner-Buch. Also, röhrende Hirsche hin oder her, diese erste Apostrophierung klingt mir hier zu bayrisch (obwohl es dort, zugegebenermaßen, schöne Höhlen gibt). Überhaupt muß ich dabei an einen KN-Artikel von Christian Zaschke zum Thema "Wider das willenlose Apostrophieren" denken, und an den Imbiß am Wilhelmplatz, der seit vielen, vielen Jahren "Steak's" im Schaufenster anbietet. [Alexander Mottok]

10-2 von <Conrad Ferdinand Meyer>
Gewieher und Drommetenhall
Träumt und verdröhnt im Wogenschwall.

Tip von:
Alexander Mottok
Kerstin Mönkemeyer

Kommentare:
"Drommete" finde ich ein hübsches Wort. Aber auch sonst gefällt mir dieses Gedicht von Conrad Ferdinand Meyer, weil es wortgewandt und so beruhigend ungemütlich ist (beruhigend, weil man selbst ja hinter sicherer Mauer warm und trocken sitzt). Conrad Ferdinand Meyer lebte übrigens von 1825 bis 1898, und zwar in der Schweiz, in der er auch geboren wurde. So richtig gut wurden seine Gedichte erst, als er etwa 40 Jahre alt war. Am Schluß seines Lebens wurde er geisteskrank. Zwar gelang es, ihn kurz vor Schluß noch zu heilen, aber die Krankheit hatte ihn so mitgenommen, daß er bis zu seinem Tode ein gebrochener Mann blieb.

So geht das Original:

Die alte Brücke

Dein Bogen, grauer Zeit entstammt,
Steht manch Jahrhundert außer Amt;
Ein neuer Bau ragt über dir:
Dort fahren sie! Du feierst hier.

Die Straße, die getragen du,
Deckt Wuchs und rote Blüte zu!
Ein Neben netzt und tränkt dein Moos,
Er dampft aus dumpfem Reußgetos.

Mit einem luftgewobnen Kleid
Umschleiert dich Vergangenheit,
Und statt des Lebens geht der Traum
Auf deines Pfades engem Raum.

Das Carmen, das der Schüler sang,
Träumt noch im Felsenwiderklang,
Gewieher und Drommetenhall
Träumt und verdröhnt im Wogenschwall.

Du warst nach Rom der arge Weg,
Der Kaiser ritt auf deinem Steg,
Und Parricida, frevelblaß,
Ward hier vom Staub der Welle naß!

Du brachtest nordwärts manchen Brief,
Dein römische Verleumdung schlief,
Auf die mit Söldnern beuteschwer
Schlich Pest und schwarzer Tod daher!

Vorbei! Vorüber ohne Spur!
Du fielest heim an die Natur,
Die dich umwildert, dich umgrünt,
Vom Tritt des Menschen dich entsühnt!

Eure Kommentare:

Drommetenhall? Ist das sächsisch für "Trompetenhall"? [nein, schweizerisch. GM] Also, an eine freistaatlich dialektische Fortsetzung mag ich weder bei 10-1 noch bei 10-2 so recht glauben.

Aber vielleicht ja doch? Die Skurrilität der Vorgabe ("Das Carmen") bleibt gewahrt, auch hier ist von akustischen Ereignissen die Rede... aber "Wogenschwall"? Woher kommt bitte das Wasser? Oder was wogt hier? [Alexander Mottok]

10-3 von Alexander Mottok
Und schläft im Stein, mit stillem Ton,
In Einsamkeit - verdientem Lohn.

Tip von:
Bertram Herburger

10-4 von Michael Lauter
Wer es vermag, ganz still zu lauschen,
Erahnt es noch im Blätterrauschen.

Tip von:
Dorothee Raffenberg

Kommentare:
Blätter in einer Felsenhöhle? Woher kommen diese? Man könnte nun einwenden, es sei ja gar nicht explizit von einer "Höhle "die Rede. Aber wer mal versucht hat, in der freien Natur vor einem Felsen stehend "Carmen" zu singen, wird leider allzu wenig von "Widerklang" bemerkt haben. Außer er steht auf einem Berg und brüllt, dann hört man vielleicht in den Alpen ein Echo. Aber das ist mir hier alles zu süddeutsch. Und ein Schüler brüllt nicht. Ein Gesangsstudent vielleicht, aber ein Schüler nicht.

Oder vielleicht doch? Von der Stimmung her würde es sich wirklich gut in die Vorgabe fügen, wirklich bärig gut. Aber nein, weibliche Endung und dann Auftakt, das darf man allenfalls (wenn überhaupt) bei Kritiker-Sprüchen. Nein. [Alexander Mottok]

Das ist doch aus dem berühmten "Der spanische Felsenwald", oder? [Dorothee Raffenberg] [Ich fürchte, das hier ist aus dem weniger bekannten Opus "Die abgestürzte Heidi oder Tragik auf der Alm". GM]

10-5 von Kerstin Mönkemeyer
Als schon ein Stöhnen Kunde gibt:
die Schülerin der Schüler liebt.

Tip von:
Henning Jensen

Kommentare:
Also wirklich, direkt nach dem Carmen-Singen? Bei maximal 20 Sekunden Nachhall müßte er bei dieser Fortsetzung ziemlich schnell zur Sache kommen. Außerdem vermag die Reihenfolge der Akteure in der zweiten Zeile nicht so recht zu überzeugen. [Alexander Mottok] [Man denkt ja immer, Männer würden nur an das eine denken. Aber da wäre zum Beispiel Kerstin... GM]

Ich weiß, ich fall immer wieder darauf rein. Aber ich bin halt noch jung und triebstark. [Henning Jensen]

10-6 von Dorothee Raffenberg
Verschmäht, doch spanisch, stolzer Gang,
Ihr Lehrer von der Klippe sprang.

Keine Punkte.

Kommentare:
Zu der Originalfortsetzung merkte Dorothee Raffenberg an:

Übrigens: "dass" oder "daß", aber nicht "das"

Tja, leider aber doch "Das"...

Das Bild des stolzen Spaniers, der im Stechschritt von der Klippe marschiert, ist sehr besonders. Schade, daß es nicht die richtige Fortsetzung ist. Das Gedicht wäre bestimmt interessanter geworden als das Original. [GM]

Gleich zwei Kardinalfehler: Daß es 4x der gleiche Endreim sein soll, kann niemand glauben. Daß das Tempo so drastisch wechselt ("träumt"-"sprang") oder daß der Schüler die Tat des Lehrers anschließend besingt, ebensowenig. [Alexander Mottok]

10-7 von Henning Jensen
Und hin und her geworfen sprach
der Graf und Herr von Andernach:

Tip von:
Sabine Naumann
Michael Lauter
Jaguar
Ingo Prinz
=4 Punkte.

Kommentare:
Argh. Schon wieder falsches Tempus. Gibt es hier keine Tempuspolizei? [Alexander Mottok}

Die Zeitform scheint nicht ganz richtig, aber das Hin- und Hergeworfene gefällt. [Ingo Prinz]

10-8 von Jaguar
Als barsch der Meister "Halt" gebeut
Und den Schüler arg verbläut.

Keine Punkte.

Kommentare:
Sehr schön, hier in altes Deutsch zu verfallen, und das "verblaeuen" hat auch einen durchaus humoristischen Wert. Mal vormerken. Allerdings stört die fehlende Silbe in der zweiten Zeile. Außerdem hat der Schüler bereits aufgehört zu singen ("... das der Schüler SANG"), kein Grund mehr, Einhalt zu gebieten. [Alexander Mottok]

10-9 von Joachim Belinski
Als klagend er um Fassung rang
im dramat'schen Überschwang.

Keine Punkte.

Kommentare:
Grmbl. Die gleichen beiden Fehler wie in 6.10. Sind die Autoren vielleicht verwandt oder verschwägert? Und dann schon wiede' dieses Apost'oph! A'''gh! [Alexander Mottok]

10-10 von Bertram Herburger
Und denkt, kaum ist das Lied verklungen:
Ach, hätt ein andrer doch gesungen!

Keine Punkte.

Kommentare:
Moment bitte, wer "denkt" hier? Den Beziehungen nach zu schließen eindeutig "Das Carmen". Und so viel Abstraktionsvermögen, um da einen Sinn zu finden, habe ich leider nicht. [Alexander Mottok]

10-11 von Sabine Naumann
Der Lehrer schon das Urteil spricht:
"Ein großer Sänger wirst du nicht!"

Keine Punkte.

Kommentare:
Das ist allerdings mal eine richtig gute Fortsetzung von meiner Frau. Wenn sie dafür Punkte kriegt, dann ist das recht getan von Euch. [GM]

Ähnlich wie 10-8, allerdings mit korrektem Versmaß. Hier wiederum fehlt eindeutig das Bindewort nach dem offenen Komma der Vorgabe.

Bleibt die Frage: 10-2, oder 10-8? Oder gar 10-11?

So, ich entscheide mich für die Sachsen: 10-2 soll es sein. Seit Regina Zindler ist Sachsen sowieso wieder voll im Trend. Also, mein Tip geht nach Auerbach, oder Leipzig, Köthen, Arnstadt und alle anderen Bach-Städte des Freistaates. Bleibt nur noch zu hoffen, daß ich diesmal zur Abwechslung mal richtig liege, damit ich es wenigstens noch zum "Vizemeister" bringe. [Alexander Mottok]

[Nicht schlecht. Schweiz für Sachsen halten und damit punkten, das ist wirklich nicht schlecht. GM]

Tabelle der Poesiemeister

   1. Sabine Naumann                 17
   2. Alexander Mottok               14 (+3)
   3. Michael Lauter                 13 (+1)
      Dorothee Raffenberg            13
   5. Henning Jensen                 12 (+4)
   6. Robert von Ulmer               11
   7. Kerstin Mönkemeyer             9 (+3)
      Bertram Herburger              9
   9. Sebastian Sager                6
      Sabrina Lauritzen              6
  11. Jaguar                         5
  12. Christoph Bohm                 4
      Ingo Prinz                     4
  14. Saskia Schürmann               3
  15. Joachim Belinski               2
  16. Björn Feustel                  1
      Hattu Brand                    1
      Carsten Wesel                  1
Die übrigen Mitspieler haben bislang noch keinen Punkt.

Das ist ja nochmal richtig knapp geworden. Wer hätte das gedacht? Der alte Poesiemeisterrecke Alexander knapp vor Dorothee und Mondvogel - also, wenn die Partie noch länger gegangen wäre, wäre es noch knapp für Sabine geworden.