Poesiemeister - Auswertung 06
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Der Reim
muß bleim!


Diesmal ist die Auflösung ganz einfach, wie Ihr seht.

Werbt mal ein bißchen in Eurem Bekanntenkreis. 12 Leute sind ein bißchen wenig, finde ich.

Die Vorgabe 6 lautete:

Er sieht den Mädchen scheu nach der Brust
und denkt: Ist nichts für mich.

Fortsetzungen:

6-1 von Ingo Prinz
Ich schwing mich lieber auf die Straßenbahn
und schau mir mal den Schaffner an.

Tip von:
Sebastian Sager

Kommentare: Aha! Von den Brüsten der Mädchen direkt in den Schwinger-Club. Geradezu kongenial. [Alexander Mottok]

Zu munter-lustig. [Sabine Naumann]

6-2 von <Josef Weinheber>
Lang ist die Ehe und teuer die Lust...
und spuckt und räuspert sich.

Tip von:
Alexander Mottok

Kommentare: Von Beruf bin ich Verwaltungsbeamter. Da mußte diese Ballade von Josef Weinheber (1892 bis 1945) natürlich sein. Sie heißt "Ballade vom kleinen Mann" und geht so:

Wie jeden Tag durch die zwanzig Jahr,
die er dient in seinem Büro,
steht er auf, streicht mit den Fingern durchs Haar,
wärmt Kaffee sich auf dem Rechaud,

wäscht Händ und Gesicht, fährt rasch in den Rock,
(nur im Amt nicht unpünktlich sein!)
streicht sich sein Brot, nimmt Hut und Stock
und läßt sein Zimmer allein.

Um die Groschen für die Straßenbahn
krampft er wichtig die Hand,
eh er hält beim Tor einen Augenblick an,
um zu schaun nach dem Wetterstand,

geht ein wenig müd, denn er schläft nicht gut,
bis zur Straßenbahn die paar Schritt;
mit Gesichtern, ihm vertraut wie sein Hut,
fährt er verdrossen mit.

Vor dem Amtshaus zupft er an Kragen und Rock,
verhält sich, ein weniges nur,
und vor seinem Schreibtisch im dritten Stock
sitzt er punkt acht Uhr.

Er nimmt seine lausigen Akten vor,
schreibt "zufolge" und "auftragsgemäß",
macht Pause punkt zehn, und die Feder am Ohr,
ißt er sein Brot indes.

Dann schreibt er wieder "indem" und "hieraus",
bis Zeit ist zum Mittagstisch.
Die Gemeinschaftsküche ist gleich im Haus,
und es stinkt nach Rüben und Fisch -

Er würgt am Schreibtisch den Fraß wie ein Mann,
der zuhause Besseres hat.
Dann raucht er sich eine Pfeife an
und gibt der Verdauung statt.

Er leiht sich dazu eine Zeitung aus
vom nächsten Kollegen und liest,
daß eine Dame aus gräflichem Haus
eines Knaben genesen ist.

Dann schreibt er von neuem "mithin" und "anbei",
ganz pflicht- und schweigenumweht,
und endlich ist es auch heute drei,
und er nimmt seinen Hut und geht.

Die Sonne scheint blank, also fährt er nicht
wie sonst auf der Straßenbahn.
Er schlendert langsam, mit stillem Gesicht,
sieht sich die Schaufenster an,

weicht ängstlich einem Betrunkenen aus
und staunt nur: Gibt es das auch?
Schaut ihm kopfschüttelnd nach, bis ans letzte HAus,
und spürt den Fuselhauch.

Er sieht den Mädchen scheu nach der Brust
und denkt: Ist nichts für mich.
Lang ist die Ehe und teuer die Lust...
und spuckt und räuspert sich.

Jetzt kommt der Uhrmacherladen am Eck.
Hier verweilt er, wie manchen Tag.
Und verschlingt mit dem Blick "seinen" Ring, der am Fleck
liegt, wo er immer lag.

Er geht durch den Park, und die Lindenblüh
duftet süß und schwül.
Ein heller Tag aus der Kindheit früh
steht auf einmal vor seinem Gefühl.

Es zerstiebt gleich wieder. Er denkt der Schuld,
die noch beim Schneider steht,
wischt sich den Schweiß mit Ungeduld,
schiebt den Hut ins Genick und geht.

Zuhause empfangen die Wände ihn,
wie er sie morgens verließ.
Er muß die Kissen frisch überziehn,
lüften, und jenes und dies.

Der Staubwedel rührt mit leichtem Schwung
an die Lautenseiten; der Klang
weckt halb verwehte Erinnerung
an die Zeit, wo er jung war und sang.

Du mein Gott, die Jugendeseleien,
die waren gründlich vorbei...
Schnell holt er Eier und Wurstzeug ein
und brät sich "Schinken mit Ei".

Er ißt aus der Pfanne (wer sieht es denn!)
lang, schwelgend und ohne Gier
und putzt nachher das Geschirr wieder schön
mit vielem Zeitungspapier.

Dann streicht er sich mehrmals über den Bauch,
sein Leiblied kommt ihm zu Sinn:
"Ja, die alten Deutschen tranken ja auch -"
und er brummt so halb vor sich hin,

zieht die Uhr und schaut eine Zeit an die Wand,
denn die Zeit läuft schrecklich leer,
wenn kein Ding und Tun die Minute bannt
und kein Mensch ist um einen her -

und räkelt sich und zählt zweimal sein Geld:
Der Stammtisch wartet schon.
Dort ist das Leben, dort ist die Welt,
dort verebbt der Tag und die Fron.

Er genießt seine üblichen drei Achtel Wein
wie ein Bürger: gehalten, adrett.
Und fällt mit einem Seufzer klein
punkt zehn in sein einsames Bett.

Eure Kommentare:

Haha! Könnte man fast wählen, wenn da nicht diese immanente Sinnkrise wäre. Obwohl das ja gelegentlich eine Pro-Indikation ist... [Alexander Mottok]

Angst vorm Leben? Die Frauen kostet die Ehe auch einiges! [Sabine Naumann]

6-3 von Alexander Mottok
Und sie, die sich stets ihrer Schönheit bewußt,
behält ihre Reize für sich.

Tip von:
Michael Lauter
Sabine Naumann
=2 Punkte.

6-4 von Robert von Ulmer
Zuckt die Schultern hoch voll altem Frust
und denkt: Brüste sind widerlich.

Tip von:
Kerstin Mönkemeyer

6-5 von Michael Lauter
Denn es bleibt ihm stets bewußt:
Anne, ich liebe nur dich.

Tip von:
Sabrina Lauritzen

Kommentare: Guter Versuch, Anne einzuführen. Diesmal war noch kein Eigenname dran, aber man kann das für die Zukunft nicht ausschließen. [GM]

Eine nicht ernstgemeinte Fortsetzung von Michael Lauter war:

Eine Brust beim Mann bringt Frust
wirkt ziemlich laecherlich.
[GM]

Süß, aber unwahrscheinlich, daß ein Name drin vorkommt. [Sabine Naumann]

6-6 von Hattu Brand
So unterdrückt er dann die Lust
und schwärmt im Stillen nur für sich.

Tip von:
Dorothee Raffenberg

Kommentare: Etwas holprig am Schluß. [Sabine Naumann]

6-7 von Henning Jensen
In ihm wächst nur kleine Lust,
doch abends wird ihm wunderlich.

Tip von:
Joachim Belinski

Kommentare: Geht mir manchmal auch so. Das muß es einfach sein. Wenn nicht, hat der Autor es aber trotzdem verdient. [Joachim Belinski]

6-8 von Sebastian Sager
Was schert mich auch der Menschen Lust,
schmeckt doch der Rotwein königlich.

Keine Punkte.

Kommentare:

Prost. Obwohl ich mehr auf Weißwein stehe. Aber Rotwein soll gut für die Intonation sein. [Rotwein zehrt. Ist gut für die Figur. GM]

Aber mal was anderes: außer meiner Fortsetzung kümmert sich hier offensichtlich keine einzige auch nur im Entferntesten ums Versmaß!? Bis auf (mit Einschränkungen die Anne-Fortsetzung) und 6.2. Daher wähle ich hiermit 6.2. [Alexander Mottok]

6-9 von Kerstin Mönkemeyer
Dann zupft er den Hosenbund fast unbewußt
und fühlt ein bißchen sich.

Tip von:
Henning Jensen
Robert von Ulmer
=2 Punkte.

Kommentare: Es ist ja unanständig, aber irgendwie auch elegant. [Robert von Ulmer]

6-10 von Dorothee Raffenberg
Empfind' ich schon eine heimliche Lust,
doch weiß ich: sie alle wollen nur dich.

Tip von:
Ingo Prinz
Jaguar
=2 Punkte.

6-11 von Sabine Naumann
So jung zu sein, mit so großer Lust -
er fragt: Erinnerst du dich?

Keine Punkte.

Tabelle der Poesiemeister

   1. Sabine Naumann                 12 (+0)
   2. Alexander Mottok               9 (+4)
   3. Robert von Ulmer               7 (+1)
   4. Sebastian Sager                6 (+0)
      Sabrina Lauritzen              6 (+0)
      Henning Jensen                 6 (+1)
   7. Michael Lauter                 5 (+1)
      Dorothee Raffenberg            5 (+2)
      Kerstin Mönkemeyer             5 (+2)
  10. Ingo Prinz                     4 (+1)
      Jaguar                         4 (+0)
      Christoph Bohm                 4 (+0)
  13. Bertram Herburger              2 (+0)
  14. Joachim Belinski               1 (+0)
      Carsten Wesel                  1 (+0)
      Björn Feustel                  1 (+0)
      Saskia Schürmann               1 (+0)
Die übrigen Mitspieler haben bislang noch keinen Punkt.