Poesiemeister - Auswertung 03
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Der Reim
muß bleim!


Ein bißchen was zu den Formatierungen: Ich passe jede Fortsetzung (wenn ich daran denke) so an, daß man nicht an Formalia erkennt, daß sie nicht das Original sein kann. Wenn ein Dichter beispielsweise seine Zeilen stets mit Großbuchstaben beginnt, werde ich auch bei Fortsetzungen die Anfangsbuchstaben groß schreiben. Außerdem wandle ich Umlaute von "ae" in "ä" (a-Umlaut) um. Es kann auch sein, daß ich an den Satzzeichen herummanipuliere. Also: Es hat keinen Zweck, eine Fortsetzung aufgrund formaler Verstöße zu verwerfen. Das war mit großer Wahrscheinlichkeit ich, der die Originalfortsetzung fehlerhaft eingegeben hat...

Happy Dichtung, wie der Poet zu sagen pflegt.

Die Vorgabe 3 lautete:

Jahrhunderte sind vorübergeflogen,
es trotzte der Zeit und der Stürme Heer.

Fortsetzungen:

3-1 von Sabine Naumann
Alt Rungholt, es ward vom Meer aufgesogen,
doch Helgoland blieb noch verschont bisher.

Keine Punkte.

Das Problem bei dieser Fortsetzung ist nicht etwa der Sinngehalt (von solchen Kleinigkeiten läßt sich ein echter Poesiemeister nicht irritieren), sondern Helgoland. Helgoland ist so alltäglich. Helgoland ist abgebrannt, das wäre ein stimmungsmäßig passender Reim. [GM]

Einige andere Inseln blieben auch verschont. Aber Helgoland paßte ins Versmaß. Denkt so ein Dichter? [Robert von Ulmer]

3-2 von <Friedrich Schiller>
Frei steht es unter dem himmlischen Bogen,
es reicht in die Wolken, es netzt sich im Meer.

Tip von:
Sabine Naumann
Sebastian Sager
Sabrina Lauritzen

Im Goethejahr ein Schillergedicht, das mußte einfach sein. Schiller hat immer so schöne Rhythmen, das kann ich gut leiden. Weniger gerne mag ich das pseudogriechische polytheistische und überfeierliche Gekrampfe, aber hier haben wir ein Gedicht, das relativ schlicht daher kommt:

Ein Gebäude steht da von uralten Zeiten,
es ist kein Tempel, es ist kein Haus;
ein Reiter kann hundert Tage reiten,
er umwandert es nicht, er reitet's nicht aus.

Jahrhunderte sind vorübergeflogen,
es trotzte der Zeit und der Stürme Heer.
Frei steht es unter dem himmlischen Bogen,
es reicht in die Wolken, es netzt sich im Meer.

Nicht eitle Prahlsucht hat es getürmet,
es dienet zum Heil, es rettet und schirmet;
seinesgleichen ist nicht auf Erden bekannt,
und doch ist's ein Werk von Menschenhand.

Es ist das 5. Rätsel aus "Parabeln und Rätsel" (1801 bis 1804). Kennt Ihr die Lösung?

Eure Kommentare:

Das Netzen überzeugt. Was immer es auch ist: unter himmlischem Bogen stehen und sich dann netzen, das ist ein Bild, wie ich es liebe. [Robert von Ulmer]

3-3 von Alexander Mottok
Auf finsteren Pfaden durch Wellen und Wogen,
als einsamer Streiter im endlosen Meer

Tip von:
Dorothee Raffenberg

Da wird spannend, wie aus dem "es" ein "er" wird. [GM]

3-4 von Robert von Ulmer
War's auch mit grünem Gepatt überzogen,
es stand. Es stand fest und war unsre Wehr.

Tip von:
Saskia Schürmann
Björn Feustel
=2 Punkte.

Ich weiß ja nicht, was "Gepatt" ist, aber es klingt so schön verschroben alt, daß es das Original sein könnte. Ist es leider nicht, aber diesen Fehler haben viele der Fortsetzungen... [GM]

3-5 von Sebastian Sager
Nicht ein einzig' Mal wurd' es je betrogen
Und doch - der Klingelbeutel ist nun leer.

Tip von:
Henning Jensen

Man ist vom plötzlich auftauchenden Klingelbeutel so überrascht, daß man beim Versmaß mitzuzählen vergißt. Das ist ein Glück - sonst würde einem auffallen, daß die zweite Zeile ein bißchen stolpert. [GM]

3-6 von Michael Lauter
Das Schicksal war ihm stets gewogen,
doch heute ist es verfallen und leer.

Tip von:
Ingo Prinz

Apropos "Leer". Das erinnert mich an meine ursprüngliche Heimat. Ich bin in Norden in Ostfriesland geboren worden. Ostfriesland ist eine Gegend, in der der Stürme Heer praktisch zuhause ist. Außerdem ist es platt wie ein Gag von Rudi Carrell: man kann kilometerweit sehen, wer sich einem nähert (bzw. welche Pointe sich ankündigt). [GM]

3-7 von Christoph Bohm
Es stand gegen Krieger, es hielt gegen Wogen,
das Schloß am tausendfach tosenden Meer.

Tip von:
Jaguar
Joachim Belinski
=2 Punkte.

Diese Fortsetzung von Christoph Bohm hat sich als eine der wenigen konsequent mit dem "es" auseinandergesetzt. Auch das Versmaß stimmt, eine Alliteration noch dabei - was will man mehr (okee, okee, gut, Punkte will man mehr - man kann nicht alles haben)? [GM]

3-8 von Dorothee Raffenberg
Ein alter Baum, vornübergebogen,
seit gestern steht er hier nicht mehr.

Tip von:
Robert von Ulmer

Genial. "Vornübergebogen", das hat Charme. [GM]

3-9 von Joachim Belinski
Es glotzte der Reiter und kotzte noch mehr,
das Letztere tat er im Schwall und im Bogen.

Keine Punkte.

Schillersche Rhythmen machen selbst das Kotzen zu einem lyrischen Hochgenuß. Sollte man wenigstens denken. [GM]

Dafür gibt es auch keinen Extrapunkt. Obwohl es technisch gar nicht schlecht ist. [Robert von Ulmer]

3-10 von Ingo Prinz
Die Göttin der Liebe war ihm gewogen,
doch wollt's nicht nur Liebe, es wollte mehr.

Keine Punkte.

Und dafür Jahrhunderte warten und trotzen? Da hätte "es" vielleicht besser von sich aus aktiv werden sollen. [GM]

3-11 von Kerstin Mönkemeyer
Die Hoffnung auf Trocknung hat stets nur getrogen,
so ist es, das feuchte, das naßkalte Meer.

Keine Punkte.

Gegen Ende der zweiten Zeile läßt der Bedeutungsgehalt stark nach. Würde das Versmaß nicht noch Silbe um Silbe verlangen, hätte sich Kerstin bestimmt den Hinweis darauf, daß das Wasser naß ist, erspart. Aber es mag ja Leute geben, denen diese Information weiterhilft. [GM]

Schön fand ich das hämmernde "ung" in der ersten Zeile. [Robert von Ulmer]

3-12 von Henning Jensen
Doch schließlich zernagten die schäumenden Wogen
das Zeichen der Freiheit und Wiederkehr.

Tip von:
Michael Lauter

Gefällt mir sehr gut. "Zernagtes Zeichen". Ein hübsches Bild, wie die Wogen mit kleinen, wieselflinken Zähnen das Zeichen zerspanen. [GM]

3-13 von Bertram Herburger
Die Welt durchmaß in weitem Bogen
der wuet'gen Helden stolzer Speer.

Tip von:
Kerstin Mönkemeyer

Auch hier ist das "es" ein Problem. "Die Welt" = sie. "Der Bogen" = er. "Die Helden" = sie. "Der Speer" = er. Es gibt zuwenig Neutren auf der Welt. [GM]

3-14 von Sabrina Lauritzen
Daß die Zeit sich segnen läßt,
schließt kein Vergehen aus.

Keine Punkte.

Wenn da man Sabrina Lauritzen nicht die falsche Fortsetzung im Ohr hatte... [GM]

Wirklich? flogen, Heer, läßt, aus - das ist mir etwas zu frei gereimt. [Robert von Ulmer]

Tabelle der Poesiemeister

   1. Sabine Naumann                 6 (+2)
   2. Sebastian Sager                5 (+3)
      Henning Jensen                 5 (+1)
   4. Alexander Mottok               4 (+1)
      Robert von Ulmer               4 (+2)
      Sabrina Lauritzen              4 (+2)
   7. Jaguar                         3 (+0)
      Christoph Bohm                 3 (+2)
      Ingo Prinz                     3 (+0)
  10. Michael Lauter                 2 (+1)
  11. Carsten Wesel                  1 (+0)
      Kerstin Mönkemeyer             1 (+0)
      Bertram Herburger              1 (+1)
      Dorothee Raffenberg            1 (+1)
Die übrigen Mitspieler haben bislang noch keinen Punkt.