8. Sepeler Wellenlauf 2005

Sonntag, 22. Mai 2005

Meine Tochter Eva auf
ihrem Weg zum 800-m-Finish.
Mein Sohn Onno, kurz
hinter Eva.

km 1: 3:48 min
km 2: 3:52 min
km 3: 3:50 min
km 4: 3:50 min
km 5: 3:57 min
km 6: 4:16 min
km 7: 4:21 min
km 8: 4:25 min
km 9: 4:25 min
km 10: 4:04 min
km 11: 3:59 min
km 11,5: 2:01 min
Länge/Zeit: 11,50 km, 0:46:47 h, 4:04 min/km
Wetter: sonnig, sehr warm
Strecke: Rundkurs in Dersau/Sepel

Ein wenig Gejammere vorweg: Mehr oder weniger bekanntlich war ich den Winter über daran gehindert zu laufen, weil ich verletzt war. Und es war im Februar ein harter Wiedereinstieg. Und dazu kam noch: Ich hatte eigentlich zum Tempotraining (im Gegensatz zum normalen Laufen) kaum Lust. Im Vergleich zum letzten Jahr war ich sogar richtiggehend faul. Ein Hexenschuß vor einigen Wochen kam noch dazu. Mein Training war also nur lustbetont, was ein freundliches Wort für wenig leistungsorientiert ist. Macht ja nix, bin ja nur Freizeitläufer.

Heute wollte ich meinen Lieblingsvolkslauf, den Sepeler Wellenlauf, als Test für meine Form einigermaßen passabel durchstehen. So richtig schnell wollte ich eigentlich nicht laufen. Das ist für das nächste Wochenende reserviert, wenn es darum geht, 10 km völlig flach am Kieler Ostufer zu rennen und dabei die Fischhalle auf dem Seefischmarkt zu durchhetzen. Nicht so schnell auch deswegen, weil der Sepeler Wellenlauf eine sehr bergige 11,5-km-Strecke ist. Mindestens für norddeutsche Verhältnisse geht es ganz schön auf und ab, insbesondere so ab km 5 bis km 9.

Es handelt sich um einen Landschaftslauf der Marke "ländlich, sittlich". Angeboten werden: der Hauptlauf (11,5 km; 124 Teilnehmer), ein 4,5-km-Lauf (129 Teilnehmer), ein Schülerlauf über 800 Meter und ein Bambinilauf über 300 Meter. Die Organisation funktioniert so leidlich. Die Zeiten werden per Hand genommen, mit abgerissenen Startnummernschnipseln. Der Ansager, ein älterer Herr, ist zwar deutlich zu verstehen, aber die Sprachmelodie macht genauso deutlich, daß er bestimmt schon mal mehr Lust gehabt hat anzusagen. Das Kilometerschild mit der "3" drauf ist wie jedes Jahr 150 m zu früh aufgestellt, aber das irritiert nur Neulinge, und die hätten ja schließlich besser aufpassen können, wenn die Alten von ihren vergangenen Sepeler Schlachten berichten. Und die Urkunden, die es bei dem Lauf gibt, waren wie jedes Jahr zunächst falsch gedruckt. Aber das macht nichts; es gehört dazu. Schließlich sind wir zum Laufen in Sepel und nicht zum Bewundern bürokratischer Perfektion.

Das Wetter war in den vergangenen Tagen mau. Heute wurde es schön. Zu schön. Es war heiß, um genau zu sein.

Nachdem ich überall verbreitet hatte, daß ich heute ganz langsam laufen werde, jedenfalls aber nicht wirklich schnell, stellte ich mich listig schräg hinter das rechte Hütchen auf der Startlinie auf. Denn ich hatte mir ausgerechnet: Da wir zu Beginn einen Bogen laufen müssen, der nach rechts ausschwenkt und dann wieder nach links führt und die Startlinie ewig breit ist (halb so breit wie ein Fußballplatz), ist es ein echter Nachteil, an der Startlinie links zu stehen. Da muß man bestimmt noch 20 m extra laufen. Da bin ich kleinlich. Schließlich stehen in der Ausschreibung 11,5 km und nicht 11,52. Ich hätte da schon ahnen können, was mit dem Ertönen das Startpfiffs passieren würde.

Ich bin der hinter demjenigen mit der Startnummer 77.
Was nämlich passierte, war: alle meine guten "Ich laufe heute mal langsam"-Vorsätze waren plötzlich wie weggeblasen. Ich tobte los wie nichts Gutes, als wären alle hinter mir her. Waren sie ja auch. Bis auf wenige, die vor mir liefen, und die ich einholen wollte, mußte. Erst nach einigen hundert Metern konnte ich mich wieder beherrschen und ein wenigstens einigermaßen vernünftiges Tempo anschlagen. Ich predige ja jedem Anfänger, daß er im Wettkampf gerade den ersten Kilometer betont langsam laufen soll. Das mache ich mit eigensüchtigen Hintergedanken: wenn die Anfänger mir glauben, kann ich sie zu Beginn überholen, auch wenn sie eigentlich schneller wären als ich. Das verleiht mir wenigstens einen halben Kilometer lang das Gefühl der Unbesiegbarkeit.

Die ersten 5 km sind recht flach. Sie liefen sich daher sehr nett. Bei km 5 merkte ich allerdings so langsam, daß diese Strategie des Gleich-zu-Anfang-alles-Gebens auch ihre Nachteile hat. Die Batterien waren leer. Und ich wußte, das Schlimmste kommt noch! Denn kurz nach dem Kilometerschild mit der 5 drauf geht es ab. Eine Steigung folgt der nächsten. Mal lang und widerlich, mal kurz und noch widerlicher, selbstverständlich mit dem zugehörigen nutzlosen Gefälle, das kein Mensch ordentlich laufen kann. Obwohl es heiß war, war es aber trotzdem rutschig, weil es in der Nacht wohl einen stärkeren Schauer gegeben hat. Da muß man volles Risiko gehen: entweder klappt der Spurt bergab über die Wurzeln, oder man bricht sich ein Bein. Man hat ja zwei davon.

Bei km 8 dachte ich: ich kann nicht mehr. Allerdings dachte ich auch: so schlecht sind deine Zeiten eigentlich nicht. Obwohl ich in diesem Jahr während der Bergkilometer deutlich stärker eingebrochen bin als letztes Jahr, hatte ich mir durch meine geniale Taktik, am Anfang superschnell zu laufen, ein bequemes Polster geschaffen, so daß ich lumpige 4:25 min/km laufen konnte, ohne richtig zurückzufallen. Das Schönste war dabei: den meisten Mitläufern ging es genauso! Zum Beispiel dem Läufer vom letzten Jahr mit dem "Sporthaus Gehrmann"-Shirt. Damals konnte ich ihn immer nicht einholen. Diesmal war ich deutlich vor ihm. Hähä.

Bei km 9 kam dann endlich die zweite Luft. Weit reichte sie nicht, aber immerhin doch so weit, daß ich die schlimmsten Steigungen noch einigermaßen ordentlich nehmen konnte und dann wieder in einen ungefähren Viererschnitt verfiel.

Und zu meiner großen Verblüffung war ich nur 17 Sekunden langsamer als letztes Jahr! Es geht noch! Ich kann noch laufen! Ich habe meine Verletzung überwunden - alles wird gut!

Insgesamt wurde ich Sechster von 124 Läuferinnen und Läufern und Dritter meiner Altersklasse (M45). Der Sieger, Dirk Henningsen, brauchte übrigens nur 38:40 Minuten, rund 5 Minuten weniger als der Zweite (43:48 min). Wie man das schafft, bei den Steigungen zwischendurch, ist mir schleierhaft. Die beste Frau, Birgit Reinke, erreichte eine Zeit von 48:51 Minuten.

Hinterher gab es Wasser und Kuchen und warme Duschen (nicht in dieser Reihenfolge). Meine Familie war auch mit. Mein Sohn und meine kleine Tochter liefen die 800 m, während meine Frau Groupie war. Das hat ihr nicht sehr gefallen; sie fand es langweilig, wenn man vom Zieleinlauf absieht. Immerhin bekam ich einen Kuß von ihr. Den hatte sie mir vorher versprochen, wenn ich unter 50 Minuten bleiben würde. Nach zehn Jahren Ehe muß man sich auch über Kleinigkeiten freuen...