4. Ostufer-Fischhallenlauf 2008

Sonntag, 18.05.08

Die Laufstrecke für den 10-km-Lauf.
km 1: 3:40 min
km 2: 3:50 min
km 3: 3:55 min
km 4: 3:59 min
km 5: 3:56 min
km 6: 3:59 min
km 7: 4:05 min
km 8: 4:02 min
km 9: 3:58 min
km 10: 4:01 min
Länge/Zeit: 10,00 km, 0:39:27 h, 3:57 min/km
Profil/Wetter: etwas wellig; sonnig, warm
Strecke: Verschlungene Pfade in Ellerbek durch die Fischhalle und vor allem auch die Mole auf und ab.

Als ich mit dem Laufen ernsthafter anfing, habe ich mir viele, viele Bücher gekauft. Und zahlreiche "Runner's World"-Zeitschriften. Ich habe systematisch trainiert und mir viele Gedanken über die Länge von Intervallen und Trabpausen gemacht. Nach Pulsfrequenzen lief ich, und habe mannhaft das doofe Gefühl des Brustgurts der Pulsuhr ertragen. Die Mineralstoffzufuhr habe ich mir durchgerechnet und nur das Richtige gegessen. Vor dem Wettkampf begann die Kohlenhydratzufuhr, aber nur die richtigen Kohlenhydrate bitte. Was hat es mir gebracht? Neben einer Menge Spaß und Läuferleistungsstreß eine 10-km-Bestzeit von 40:16 min.

Seit letztem Jahr, gebeutelt durch meinen Bandscheibenvorfall, laufe ich nur noch aus Lust. Tempotraining lasse ich komplett sein; die Wettkämpfe, die ich laufe, müssen das ersetzen. Ich laufe am liebsten länger und langsam, mit klassischer Musik auf dem MP3-Player (vorzugsweise Barock, da gibt es eine Menge wenig bekannter Komponisten, aber auch gerne mal schweinisch-primitive Popmusik). Um das Essen mache ich mir nur noch wenig Gedanken. Ich verzichte systematisch auf Geschmacksverstärker und Süßstoff, weil in beiden Fällen dem Gehirn vorgespiegelt wird, daß bestimmte Nährstoffe kommen werden, die dann aber nicht kommen, worauf der Körper - jedenfalls meiner - mit unkontrollierbaren Gieranfällen nach dem Echten Zucker und dem Echten Fleisch reagiert. Alles andere darf rein bei mir. Mineralien: Na gut, ich trinke Gerolsteiner Mineralwasser und esse morgens Haferflocken. Aber Pillen und so nehme ich nicht. Die Pulsuhr fristet seit Jahren ihr Dasein als Staubfänger auf meinem Läuferregal. Und Laufbücher lese ich nur noch, wenn es Erzählungen oder Romane sind; Läufertipps können mir gestohlen bleiben. Bin eh zu alt dafür. Was hat es mir gebracht? Neben einer Menge Spaß und Wegfall des Läuferleistungsstresses eine 10-km-Bestzeit von 39:42 min (letztes Jahr in Bokel).

Nach diesem langen Vorspann ist klar, wie ich an den heutigen Ostufer-Fischhallenlauf herangehen werde. Locker und entspannt. Wird schon. 41 Minuten ist auch eine schöne Zeit. Und überhaupt: ich habe ein, zwei Kilos zuviel, und Tempotraining ist nach wie vor ein Unwort für mich.

Der Ostufer-Fischhallenlauf wird vom LTV Kiel-Ost, und insbesondere Jens Meier veranstaltet. Er ist auch in diesem Jahr vorbildlich organisiert. So muß man das machen. Da stimmt alles. Die Kilometerschilder stehen punktgenau, so daß ich den Verdacht habe, mein Garmin richtet sich nicht nach den Satelliten, sondern nach den Schildern des LTV Kiel-Osts. Die Zeitnahme klappt wunderbar, und die Siegerehrung verbunden mit der Tombola ist mit einer Gesamtdauer von einer Stunde nicht zu lang, wenn man bedenkt, wer da alles geehrt werden muß.

Gelaufen wird für Normalmenschen 10 km. Für Schüler gibt es einen 5-km-Lauf. Das ist mal eine klare Ansage, nicht so verwirrend wie Läufe, bei denen man zwischen 17 Distanzen und möglicherweise noch Walken und einem Staffellauf wählen kann. Es gibt 800 Startplätze für den Hauptlauf, und dieses Jahr waren sie verdientermaßen Wochen vor dem Lauf ausgebucht. Wahrlich, ich sage Euch: das wird im nächsten Jahr noch schneller gehen. Die Veranstalter wollen die Läuferzahl nicht aufstocken, weil sie die Zahl sonst nicht mehr so gut beherrschen können, aber es werden immer mehr kommen wollen. Das wird bald wie in Mainz werden, wo ca. 14 Tage nach Eröffnung der Anmeldungen im Herbst des Vorjahres alle Startplätze weg sind.

Die Laufstrecke führt auf verschlungenen Pfaden durch Ellerbek, durch das Gelände des Marinearsenals und dann zum ersten Höhepunkt: die lange Mole. Danach geht es zur Fischauktionshalle, die man durchläuft, und über das Gelände des Seefischmarkts wieder zurück.

Nr. 17: Gegen die Sonne und mit Ehrgeiz.
Kurz vorm Start überkommt mich das übliche Wettkampfgefühl. Erst noch entspannt und mit niedrigen Erwartungen, dann nach vorne drängend und auf den Startschuß wartend. Und los geht es. Die ersten Meter geht es leicht bergab. Ich versuche, nicht zu langsam wegzukommen; in Mainz hat mich das mein Zeitziel einer Halbmarathonzeit unter 1:30 h gekostet. Hier kann ich mich über den ersten Kilometer nicht beschweren: 3:40 min. Viel zu schnell, das schaffe ich nie. Also etwas nachgegeben. Aber nicht zuviel. Hinter mir läuft nämlich ein Kunstkeucher. Das ist ein Läufer, der lautstark und kontrolliert in feststehenden Schrittrhythmen ein- und wieder ausatmet. Das klappt auf Dauer selbstverständlich nicht - eigentlich möchte der Körper diktieren, wie geatmet wird, und wenn man ihm per Gehirnorder ins Handwerk pfuscht, geht das meistens schief. Ich möchte mich von ihm lösen, da das Geräusch so nervt. Die ersten sechs Kilometer laufe ich in Zeiten von teilweise deutlich unter 4 Minuten. Nach 5 km bin ich bei 19:18 min. Wenn ich jetzt nicht zusammenbreche, könnte... Lieber nicht darüber nachdenken und weiterlaufen.

Nach der Fischhalle, so bei km 7, gibt es einige widerliche Stellen. Kurze Steigungen auf Kopfsteinpflaster, verbunden mit zahllosen engen Kurven. Verglichen mit wirklich schwierigen Läufen, zum Beispiel dem Sepeler Wellenlauf, ist das natürlich nichts, aber die Temperatur beginnt auch noch unangenehm zu steigen. Und ich merke das Tempo der ersten Hälfte jetzt so richtig. Nicht hilfreich ist es, daß ein junger Mann mit rötlichen Haaren (später weiß ich: der läuft auch in meiner Altersklasse) mich überholt und dabei über seine schweren Bodybuilder-Beine stöhnt. Das Gestöhne richtet er an einen Kumpel von ihm, der ein gelbes T-Shirt vom VfB Kiel trägt und offenbar verbal getreten werden möchte. Auch einer dieser jungen Fußballspieler sicherlich (später stelle ich fest: von wegen jung, meine Altersklasse). Die Bemerkungen des Rötlichhaarigen lenken meine Aufmerksamkeit auf das, was in meinen Beinen passiert, und das ist auch nichts Dolles. Aber immerhin schaffe ich noch einen Schnitt von eben über 4 Minuten. Das reicht noch, um unter... Lieber nicht darüber nachdenken und weiterlaufen.

Und siehe, da ist L. Mein Lieblingsläufer; immer eine Freude, ihm dabei zuzukucken, wie er elegant dahinschießt. Sollte heute wieder so ein Tag sein wie früher? Er spurtet los, ich trabe hinterher, und am Schluß habe ich ihn, wie zuletzt in Preetz? Langsam schiebe ich mich an ihn heran. Langsam schiebe ich mich an ihm vorbei.

Der letzte Kilometer. Es ist jetzt klar: Ich bleibe zum zweiten Mal in meinem Leben unter 40 Minuten. Und wenn ich Glück habe, sogar relativ deutlich. Da kommt, was ich immer befürchtet hatte: DIE STEIGUNG. Am Anfang sind wir bekanntlich bergab gelaufen; der Grund für diesen fürchterlich schnellen ersten Kilometer. Leider müssen wir genau diese Strecke kurz vorm Ziel in die andere Richtung durchlaufen. Die Steigung ist nicht lang und eigentlich auch nicht sooo schlimm, aber so kurz vorm Ziel hat sie sich bei meinen zwei vorigen Teilnahmen genauso ausgewirkt wie jetzt: Ich bin mit einem Mal fix und fertig. Und da ziehen sie alle an mir vorbei: der Läufer mit den Bodybuilderbeinen, der Typ mit dem VfB-Kiel-T-Shirt in augenfeindlichem Grellgelb, der Kunstkeucher (übrigens meine Altersklasse) und schließlich auch wieder L. Aber das sei ihnen gegönnt, denn: ich habe meine Bestzeit von 39:42 min auf 39:27 min verbessert. Und das bei diesem lauen Training! Großartig, ich fühle mich einfach großartig. Naja, ein bißchen schlecht ist mir auch vor Anstrengung, aber nach einigen Sekunden vergeht das.

Im Ziel gibt es eine Medaille (sehr wichtig, Medaillen sind super) und eine Tüte. Sie enthält ein Kistchen mit geräucherten kleinen Fischen ("Kieler Sprotten"). Die sind sehr, sehr lecker, gar nicht so, wie man zunächst denken könnte. Aber für direkt nach dem Lauf sind die Fische nicht geeignet. Ich greife lieber beim reichlich angebotenen Erdinger alkoholfrei und dem Mineralwasser zu. Das auch angebotene Obst verschmähe ich diesmal. Nach dem Umziehen sehe ich bei der Siegerehrung zu. Spannend ist die Sambaband. Das Spannende für mich ist herauszubekommen, wie die Dame, die mit der Trillerpfeife im Mund offenbar die Chefin ist, durch Gesten und Pfeifsignale den Mittrommelnden zu verstehen gibt, was für Rhythmuswechsel und Figuren kommen sollen.

Etwas neidisch machen mich die Altersklassensieger-T-Shirts. Die Sieger der Altersklassen bekommen ein schickes schwarzes T-Shirt mit goldfarbenem Aufdruck "Altersklassensieger". Das hätte ich auch gerne. Für den Altersklassensieg in M55 hätte meine Zeit heute gereicht. Hoffentlich kann ich in 7 Jahren noch das gleiche Tempo wie heute laufen.

Das Sahnehäubchen am Schluß: ich bekomme auch noch einen der Hauptpreise der Tombola ab, eine Reise mit der Color Magic/Fantasy nach Oslo für zwei Personen (zwei Bordübernachtungen). Und das alles für 8 Euro.

Ein sehr angenehmer Wettkampftag. Bitte mehr davon.