5. Everstener Brunnenlauf 2006

Sonntag, 04.06.06

km 1: 4:04 min
km 2: 4:03 min (8:07 min)
km 3: 3:57 min (12:04 min)
km 4: 4:00 min (16:04 min)
km 5: 4:01 min (20:05 min)
km 6: 3:59 min (24:05 min)
km 7: 4:01 min (28:06 min)
km 8: 4:01 min (32:07 min)
km 9: 4:06 min (36:13 min)
km 10: 4:03 min (40:16 min)
Länge/Zeit: 10,00 km, 0:40:16 h, 4:02 min/km
Profil/Wetter: eben; heiter bis wolkig, ca. 15C, trocken
Strecke: 3 Runden zu 3200 m und ein 400 m langes Schlußstück am und im Everstener Holz in Oldenburg (Hauptstadt des gleichnamigen Großherzogtums)

Kundenbindung kann man auf verschiedene Weise erzielen. Meine Mutter macht es beispielsweise durch Laufangebote. "Bring doch mal deine Kinder vorbei, da gibt es übrigens auch einen Volkslauf, Everstener Brunnenlauf, 10 km, läufst du doch bestimmt gerne!" Ich wäre ja auch so gekommen und hätte meiner Mutter ihre Enkelkinder gebracht, aber mit Volkslauf ist es natürlich noch besser. Einzige Einschränkung: Ich durfte mich nicht verhandlungsunfähig laufen. Also Spaßlauf. Spaßlauf unterscheidet sich vom Ernstlauf dadurch, daß man zwar genauso schnell läuft, hinterher aber versucht, Nehmerqualitäten zu demonstrieren.

Der Everstener Brunnenlauf findet in Oldenburg statt. Wer in das Städteverzeichnis eines Atlanten kuckt, wird feststellen, daß es zwei Oldenburgs gibt: eines in Schleswig-Holstein, das ist klein und unbedeutend, und eines, das ist die Hauptstadt des gleichnamigen Großherzogtums, das es in einer besser geordneten Welt als der unseren noch geben würde (die 1-Million-Euro-Frage für alle Abonennten von bunten Blättern: wie heißt der heutige Erbgroßherzog von Oldenburg, und welchen Beruf hat er?). Und diese wunderschöne Stadt, in der ich entscheidende Jahre meiner Jugend zugebracht habe, hat einen Stadtteil namens Eversten mit einem Park, dem Everstener Holz, mittendrin mit einem Brunnen. Darin galt es, drei Runden und ein kleines Schlußstück zurückzulegen.

Der Start am Nachmittag war einer der unangenehmsten, die ich bislang erlebt habe. Für 600 Läufer war die Startstraße einfach zu eng. Es war auch nicht hilfreich, daß sich die langsamen Läufer (jedenfalls einige davon) nach vorne gestellt hatten. Das führte zu einem sehr ungleichmäßigen Loslaufen und vor allem dazu, daß der Läufer vor mir stürzte, weil er einfach nicht damit rechnete, daß seine Vorderfrau deutlich langsamer laufen würde als deren Nachbarn. Das war schon ziemlich rücksichtlos. Allerdings trugen auch die Organisatoren ein bißchen dazu bei. Die etwas zu spät kommenden Läufer wurden nämlich einfach in die Startermasse vorne reingedrängt, anstatt sie dazu bringen, sich hinten anzustellen.

Der erste Kilometer ging in den Umständen entsprechenden 4:04 min vorbei. Ich wollte mich ja auch nicht verausgaben. Nach dem zweiten Kilometer (4:03) dachte ich mir: "Warum eigentlich nicht?" Ich fühlte mich gut, und es lief alles rund, also noch ein bißchen beschleunigt. Bis km 8 lief ich um die 4 Minuten herum. Die Strecke war ganz gut zu laufen, parkschön, mit Waldwegen, bei denen man ab und zu Obacht geben mußte, um nicht zu stolpern. Außerdem waren da einige Kurven, die zu üben waren, um sie mit der richtigen Technik zu nehmen und nicht aus ihnen herauszufliegen. Aber Gelegenheit zum Üben hatte ich ja, schließlich waren es drei Runden.

In der dritten Runde begann ich mit dem Überrunden. Überrunden ist unangenehm für die Überrundeten. Jedenfalls war es das für mich, als ich noch etwa eine Stunde für 10 km brauchte. Das gibt einem das Gefühl dafür, wie langsam man wirklich ist. Eben noch mental der dahinpreschende Hengst, nach Überrundung schleimige Schnecke. Aber auch für mich als Überrundenden ist es nicht immer angenehm. Denn ich stieß auf Viererketten, die die schmalen Parkwege so undurchdringlich versperrten, daß sich die Viererkette unserer Nationalmannschaft ein Beispiel daran nehmen sollte. Da halfen nur elegante Schlenker - für ätzende und treffsichere Bemerkungen hatte ich gerade keine Zeit. Außerdem taten mir die Überrundeten auch teilweise leid. Sie sahen nämlich überhaupt nicht so aus, als ob ihnen das Laufen Spaß machen würde. Einige hatten so einen kamelhaft schaukelnden Gang, mit eingezogenen Armen, sich krümmendem Oberkörper, extrem schnaufender Atmung und einem wehen Gesichtsausdruck, wenn sie sich umschauten. Ich hatte ein richtig schlechtes Gewissen, denn mir ging es einfach gut. Es machte Spaß.

Allerdings wurde ich so ab km 9 müde und wandte den alten Läufertrick an: Häng dich an jemanden dran, am besten an einen erfahrenen Fünfzigjährigen. So einer läuft meistens wie ein Uhrwerk. Naja, mein Vordermann nicht, oder besser, der lief wie ein Uhrwerk, dessen Federspannung stark nachließ. Kein Wunder, daß mir der km 9 so angenehm vorkam (4:06 min). Also nochmal nachgelegt, und schließlich bin ich mit 40:16 min ins Ziel gekommen. Dort gab es Wasser, nichts zu essen und noch 500 m Fußweg bis in die Turnhalle zurückzulegen. Das mußte ich sehr schnell tun, weil sich nämlich das Schwarzbrot mit Spiegelei, das mir meine Mutter vorher mehr oder weniger aufzwängte, meldete. Es war verdaut, und es wollte raus. Zwar durch den Hintereingang, wie sich das gehört, aber sofort. War das schön auf dem Klo, als ich es endlich erreichte!

Ein paar allgemeine Dinge: Die Organisation des Laufs an sich ließ praktisch nichts zu wünschen übrig (glaubhafte Kilometerschilder, gut ausgeschilderte Strecke), die Strecke war eben, hinterher gab es Wasser, in der Turnhalle noch ein Baumwoll-T-Shirt, die Duschen waren warm - für 6 Euro ein guter Handel. Schöner Lauf, wenn man es mag, drei Runden statt einer großen zu laufen.

Ach so ja, Spaßlauf. Als meine Mutter mich wieder abholte, habe ich natürlich den starken Helden gespielt, an dem so ein lächerlicher 10-km-Lauf einfach so abperlte. Das war auch gar nicht so schwer. Ich habe ihn tatsächlich kaum gemerkt, ganz im Gegensatz zu dem Fischhallenlauf letztes Wochenende (auch 10 km, schlechtere Zeit, Riesenmuskelkater). Man gewöhnt sich an alles.